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	<title>Lebensgeschichten &#8211; Kirschhäubchen</title>
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	<title>Lebensgeschichten &#8211; Kirschhäubchen</title>
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		<title>Petra &#8211; Wenn der Krebs vorbei ist, aber die Angst bleibt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kirschhaeubchen]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 27 Feb 2025 11:46:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Lebensgeschichten]]></category>
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					<description><![CDATA[Die letzte Behandlung ist geschafft. Die Krankheit ist besiegt. Eigentlich könnte jetzt die Erleichterung kommen – endlich wieder nach vorne schauen, endlich wieder leben. Doch für Petra fühlte es sich ganz anders an. Als sie nach ihrer letzten Behandlung die Onkologie verlassen musste, verlor sie nicht nur den Ort, an dem sie behandelt worden war. [&#8230;]]]></description>
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<p class="wp-block-paragraph">Die letzte Behandlung ist geschafft. Die Krankheit ist besiegt. Eigentlich könnte jetzt die Erleichterung kommen – endlich wieder nach vorne schauen, endlich wieder leben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch für Petra fühlte es sich ganz anders an.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als sie nach ihrer letzten Behandlung die Onkologie verlassen musste, verlor sie nicht nur den Ort, an dem sie behandelt worden war. Sie verlor auch jene Sicherheit, die ihr der Therapieplan während der vergangenen Monate gegeben hatte. Plötzlich gab es keine Termine mehr, keine nächste Behandlung, keine Aufgabe, an der sie sich festhalten konnte. Stattdessen sollte sie einfach wieder in ihr Leben zurückkehren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nur: Wie sollte dieses Leben aussehen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die körperlichen Folgen der Erkrankung waren sichtbar und behandelbar. Die seelischen Wunden blieben. Petra litt unter Panikattacken, Ängsten und Phasen tiefer Antriebslosigkeit. Auch heute, Jahre nach ihrer Erkrankung, ist sie damit noch nicht vollständig im Reinen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im zweiten Teil unseres Gesprächs erzählt Petra davon, was nach der eigentlichen Krebsbehandlung kam: von ihrer Zeit auf der psychosomatischen Station und der onkologischen Rehabilitation, von Menschen, die sie auf diesem Weg begleitet haben, von beruflichen Veränderungen und einer neu entdeckten Liebe zur Natur. Und sie erzählt davon, wie schwer es sein kann, nach einer überstandenen Krebserkrankung wieder Vertrauen in das eigene Leben zu finden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie ging es dir psychisch während dieser Zeit?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ganz ehrlich, mir ging es über lange Strecken richtig schlecht. Schon während meiner Zeit im Krankenhaus wurde ich für drei Wochen auf die psychosomatische Station verlegt. Ich hatte so Angst davor, wie ich mein Leben meistern sollte. Ich litt unter heftigen Panikattacken, es war schrecklich.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Also hat dir der Aufenthalt auf der psychosomatischen Station geholfen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Kurzfristig hat es das ganz bestimmt. Es war auch die Zeit, als Corona unser aller Leben verändert hat. Das hektische Treiben hörte für alle irgendwie auf. Der Druck von draußen viel weg, der von mir verlangte, das Leben wieder aufzunehmen. Irgendwie war es eine schöne Zeit, alles kam zur Ruhe. Das ganze Leben spielte sich zu Hause ab. Für mich war es eine Wohltat.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ich kann mich erinnern, du warst doch auf Kur?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist richtig. Ich bekam einen dreiwöchigen Aufenthalt in Bad Erlach bewilligt. Diese Kur nennt sich „onkologische Rehabilitation“, die im Anschluss oder während einer Krebstherapie möglich ist. Sie soll helfen, die physischen und psychischen Spuren zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Gesundheit und Aktivität sollen so weit wie möglich wiederhergestellt werden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie ging es dir dort? Welche Erinnerungen hast du daran?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich war Teil einer sechsköpfigen Gruppe. Man hat uns zwar zufällig zusammengewürfelt, aber uns verband dasselbe Schicksal, der Krebs. Es tat gut, sich mit diesen Menschen auszutauschen. Es ist so schwer, seine Gefühle mit jemanden zu teilen, dessen Leben nicht bedroht ist. Der gesund ist und nicht nachvollziehen kann, was in einem vorgeht, wenn sich das schlagartig ändert. Wir waren binnen kürzester Zeit eine Schicksalsgemeinschaft, wurden zu Freunden, zur Familie. Wir konnten über alles reden, ohne Hemmungen jemanden zu viel zuzumuten. Durch diesen Austausch habe ich überhaupt erst realisiert, wie schlimm eine Krebserkrankung ist. Vier aus unserer Sechsergruppe leben heute nicht mehr. Ich bin eine der Überlebenden. Ich kann das oft gar nicht begreifen. Warum ich, wer legt das fest? Ich finde keine Antwort darauf.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>War dein Aufenthalt der Abschluss deiner Krebsbehandlung?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Nicht ganz. Nach der Reha folgte die Antikörpertherapie, die sich über ein ganzes Jahr erstreckte. Nach meiner letzten Behandlung wurde ich dann endgültig aus der Onkologie entlassen. Ich fiel danach abermals ein richtig tiefes Loch. Ich hatte nichts mehr zu tun, meine Liste war abgearbeitet. Wir kümmern uns jetzt nicht mehr länger um dich, geh und mach dein eigenes Ding! Du gehörst hier nicht her. Es überschattet die gute Nachricht, dass du nun geheilt bist. Es kam einfach keine Freude auf. Ich weiß, ich sollte dankbar sein. Und ich war es aber nicht.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie konntest du deinen Beruf mit Krebs und den damit verbundenen Behandlungen vereinbaren?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Es war ganz schnell klar, dass ich eine 40 Stunden Woche als zahnärztliche Assistentin nicht mehr schaffen würde. Ich hatte ein Gespräch mit meinem Chef und wir haben uns einvernehmlich getrennt. Dankenswerterweise gab er mir das Versprechen, ich könnte jederzeit zurückkommen, sobald ich mich dazu in der Lage fühlte. Ich weiß aber für mich, das ist endgültig vorbei. Trotz des Wegfalls eines gesicherten Einkommens war für mich die Aussicht auf ein Leben ohne Druck und Verpflichtungen die einzige Option. Ich konnte nicht anders.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie hat sich dein Leben sonst noch verändert?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich habe durch die Erkrankung die Liebe zur Natur entdeckt. Ich habe die heilsame Wirkung von langen Spaziergängen für mich erkannt. Das wäre vor der Krankheit für mich undenkbar gewesen. Spaziergänge &#8211; wohlgemerkt kurze &#8211; kamen für mich nur in Fragen, wenn es Schaufenster zu sehen gab. Generell lebe ich jetzt intensiver, bewusster. Mein Freundeskreis hat sich nicht verändert, ich hatte schon immer die richtigen Menschen an meiner Seite und sie zum Glück auch behalten. Neben meiner Schwester waren meine Freunde meine große Stütze. Das ging sogar so weit, dass sie mich finanziell unterstützt haben. Ich sollte mich ganz und gar meiner Genesung widmen. Dafür werde ich ihnen immer dankbar sein.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie geht es dir jetzt Petra?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Körperlich fühle ich mich gut, aber meine Seele hat sich noch nicht ganz erholt. Ich kämpfe streckenweise mit Antriebslosigkeit, komme oft nicht aus dem Bett. Das Leben erscheint mir an solchen Tagen völlig sinnlos. Ich bin ängstlich, finde keine Freude und habe Panikattacken. Abhilfe kann ich nur schaffen, indem ich lange schlafe. Aber ich lerne immer besser, damit umzugehen. Mittlerweile kann ich die Panik weg atmen. Ich arbeite an mir und kämpfe mich Schritt für Schritt weiter. Am besten helfen mir jedoch die Gespräche mit meiner Schwester. Sie ist mir hier die größte Stütze. Sie gibt mir die Stärke, die mir fehlt. Sie beruhigt mich und gibt mir die Zuversicht, dass alles gut wird.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Du hast doch eine Ausbildung zur Kosmetikerin gemacht?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Das ist richtig. Ich habe mich mit Feuereifer in meine Ausbildung gestürzt. Es ist so wichtig, einen Plan zu haben. Mit dieser Ausbildung habe ich etwas gefunden, das mich richtig motiviert. Leider habe ich nun Schwierigkeiten mit der Gewerbebewilligung. Wenn sich dann etwas nicht so entwickelt, wie ich das erhofft habe, zieht mich das sofort wieder runter. Da kann ich mich noch viel zu wenig schützen. Ich zweifle an mir, ob ich das überhaupt kann und stelle alles infrage. Ich brauche eindeutig eine sinnhafte Beschäftigung! Früher, als zahnärztliche Assistentin, konnte ich die Menschen von ihren Zahnschmerzen befreien. Das hat Sinn gemacht! Und da muss ich wieder hin. Das weiß ich.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Petra, was ist dein Plan? Wo stehst du in drei Jahren?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich möchte nicht traurig sein und nicht hadern. Meine Leichtigkeit ist verschwunden, aber ich habe immer noch so viel Freude am Leben. Ich schaffe das mit der Gewerbeberechtigung, ich weiß das. Mein eigenes Studio wird ein Erfolg. Ich kann dann selbstbestimmt arbeiten. In meinem Tempo, in meiner Intensität. </em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Und ganz bald werde ich einen Mitbewohner haben – Pauli, meinen Hund! </em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Darauf freue ich mich ganz besonders!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Petra &#8211; Der Krebs kam plötzlich &#8211; und mit ihm die Angst</title>
		<link>https://www.kirschhaeubchen.at/gespraech-mit-petra/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kirschhaeubchen]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 11 Feb 2025 19:41:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Lebensgeschichten]]></category>
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					<description><![CDATA[Brustkrebs kann jede Frau treffen. Eine Veränderung im Brustgewebe kann dazu führen, dass sich Zellen unkontrolliert vermehren und ein Tumor entsteht. Dank intensiver Forschung und großer Fortschritte in der Diagnostik und Therapie haben sich die Behandlungsmöglichkeiten und Überlebenschancen von Frauen mit Brustkrebs in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert. Doch Statistiken erzählen immer nur einen Teil [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Brustkrebs kann jede Frau treffen. Eine Veränderung im Brustgewebe kann dazu führen, dass sich Zellen unkontrolliert vermehren und ein Tumor entsteht. Dank intensiver Forschung und großer Fortschritte in der Diagnostik und Therapie haben sich die Behandlungsmöglichkeiten und Überlebenschancen von Frauen mit Brustkrebs in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch Statistiken erzählen immer nur einen Teil der Geschichte. Sie sagen etwas über viele Betroffene aus – aber nichts darüber, wie es sich anfühlt, wenn man selbst plötzlich mit der Diagnose konfrontiert wird. Was bedeutet eine gute Heilungschance für die einzelne Frau? Was passiert mit einem Menschen, wenn das eigene Leben innerhalb weniger Tage aus den gewohnten Bahnen gerät?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich unterhalte mich heute mit Petra. Sie ist eine von vielen Frauen, die völlig unerwartet mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert wurden. Ihre persönliche Geschichte zeigt, dass niemand wirklich darauf vorbereitet ist, wenn eine solche Diagnose das bisherige Leben erschüttert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Petra erkrankte 2018. Sie hat dem Krebs die Stirn geboten und blickt heute, mehr als sechs Jahre später, auf diese herausfordernde Zeit zurück. Sie erzählt von Schock und Panik, von einer Chemotherapie, die sie an ihre körperlichen Grenzen brachte, von Menschen, die sie getragen haben – und von einem überraschenden Gefühl, als die Behandlung plötzlich vorbei war.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Petra, wie hast du überhaupt erkannt, dass du Krebs hast?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich lag, wie so jeden Tag nach dem Aufwachen im Bett, habe meine WhatsApp Nachrichten durchgescrollt und dabei fiel mir plötzlich mein Handy auf die Brust. Es tat ungewöhnlich weh und ich tastete vorsichtig die schmerzende Stelle ab. Dabei entdeckte ich in der linken Brust einen Knoten. Ich bin jetzt keine Dramaqueen und auch nicht hysterisch, habe das fürs erste überhaupt nicht ernst genommen. Später, als ich die Begebenheit zwei Freunden erzählt habe, begann ich langsam zu realisieren, was das womöglich bedeuten könnte: „Habe ich tatsächlich Krebs?“ Im nächsten Moment fasste ich einen spontanen Entschluss. Sollte es tatsächlich so sein, würde ich mich keiner Chemotherapie unterziehen! Das mag jetzt merkwürdig klingen, wo doch die Heilungschancen bekannterweise sehr gut sind. Aber, zur selben Zeit durchlief gerade mein Chef mit Bauchspeicheldrüsenkrebs eine Chemotherapie. Ich habe miterlebt, wie er von einer Behandlung zur nächsten schwächer wurde und wie sehr er darunter gelitten hat. Er hat es letztendlich nicht überlebt. Für mich hat sich der Eindruck eingeprägt, Chemotherapie lässt dich leiden und am Ende hilft es ja doch nichts. Diese Erfahrungen waren für mich so abschreckend und prägend, dass ich eine Behandlung für mich ausgeschlossen habe.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was hat dich dann bewogen, deine Meinung zu ändern?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich war völlig durcheinander, konnte keinen klaren Gedanken fassen, das Ausmaß der Situation gar nicht abschätzen. Eigentlich habe ich überhaupt nicht begriffen, was hier vor sich geht. Totales Chaos. Totale Panik. Aber was hilft das schon. Also versuchte ich Struktur in meine Gedanken zu bringen. Ich vereinbarte einen Termin für eine Mammographie, das erschien mir als der erste logische Schritt. Und wie zu befürchten war, bestätigte mir der Radiologe gleich nach der Untersuchung, dass alles auf Brustkrebs hindeutet. Natürlich müsste ich noch zur Biopsie, um weitere Klarheit zu gewinnen. Aber die Diagnose schien mehr oder weniger bestätigt. Mit einem gutgemeinten: „Sie sollten jetzt, aufgrund der psychischen Belastung, besser nicht mit dem Auto fahren“, wurde ich auch schon wieder entlassen.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich bin dann doch gefahren, meinte natürlich, ich habe die Situation im Griff. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass ich zu Hause auf der Terrasse stundenlang Löcher in die Luft gestarrt habe. Ich konnte mich nicht bewegen, war in völliger Schockstarre.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Hast du dich jemanden anvertraut? Ich kann mir vorstellen, dass du erst völlig überfordert warst.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Das war ich auch. Heute kann ich sagen, dass ich vieles gar nicht wahrgenommen habe. Auch wenn ich jetzt versuche, meine Erinnerungen zusammenzutragen, schaffe ich nicht jedes Einzelteilchen. Vorerst habe ich es niemandem erzählt. Nicht einmal Claudia, meiner Schwester, habe ich angerufen. Ich wollte einen Befund in den Händen halten, es schwarz auf weiß haben. Was, wenn es doch eine Fehldiagnose ist? Ich habe mich davor gescheut, meine Familie und meine Freunde zu beunruhigen. Leider bestätigte die Biopsie die Diagnose des Radiologen. Der Tumor zeigte sich klar abgegrenzt, eine Operation versprach gute Chancen. Erst hatte ich noch gehofft, ohne Chemotherapie auszukommen. Aber das war mehr Wunschdenken. Man geht wohl zu naiv an die Sache heran. Mein behandelnder Arzt stellte einen Therapieplan auf. Zehn Einheiten Chemotherapie, dann die operative Entfernung des Tumors und der Lymphknoten, anschließend Bestrahlungen. Sollte das alles gut verlaufen, folgt für ein weiteres Jahr eine Antikörpertherapie, die dafür sorgen soll, dass der Krebs nachhaltig verschwindet.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie ging es dir während der Chemotherapie?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ehrlich gesagt war es wirklich übel. Mir ging es damit so schlecht, dass ich zwei Behandlungen auslassen musste. Mein Körper spielte völlig verrückt. Gott sei Dank zeigte die Therapie aber Wirkung und der Tumor verkleinerte sich. Die Chancen standen gut, dass ich meine Brust behalten würde. Das war für mich der Preis, den ich gerne bezahlen wollte. Die Operation verlief dann auch problemlos. Es wurden, wie besprochen, die Lymphknoten entfernt, um weitere Metastasen auszuschließen. Mir ging es eigentlich gut danach, ich fasste wieder Mut. Das Setzen des Port-a-Caths war für mich wesentlich schlimmer gewesen. Aber diesen Zugang benötigte ich für die nachfolgenden Behandlungen.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie ginge es dann weiter, wann hast du mit der Bestrahlung begonnen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Zuerst einmal musste die Operationswunde gut verheilen, bevor ich mit der ersten von zwanzig verordneten Bestrahlungen starten konnte. Voll motiviert begab ich mich ins Krankenhaus, in der Meinung, das Schlimmste hätte ich bereits hinter mir.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em> Leider lag ich völlig falsch. </em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich war ein körperliches Wrack, schon nach den ersten Behandlungen. Die Chemotherapie war schon schlimm, aber das hier übertraf es noch. </em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich merke gerade, was die Erinnerung und das Erzählen davon mit mir macht!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ich wollt dir kein schlechtes Gefühl geben, tut mir leid. Möchtest du eine Pause?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Alles gut, ich habe ja nicht nur negative Erinnerungen an diese Zeit. Eine Erinnerung, die ich noch lebhaft vor Augen habe, sind die Fahrten ins Krankenhaus zu den Behandlungen. Die Krankenkasse bewilligt mir einen Fahrtendienst und ich hatte das Glück, immer mit demselben Fahrer unterwegs zu sein. Zwischen uns hat sich eine Vertrautheit entwickelt, die mir in meiner Situation so gutgetan hat. Man ist so hungrig nach Menschlichkeit, Anteilnahme, Verständnis und Trost und findet sie dann ausgerechnet bei einem Taxifahrer.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wer war denn dein engster Begleiter während dieser Zeit?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Meine Vertrauens- und Krisenperson war eindeutig meine Schwester Claudia. Ohne sie hätte ich das Ganze nicht durchgestanden. Meine Mutter war mit der Situation vollkommen überfordert. Und es ist so wichtig, dass jemand die Übersicht behält und nicht die Nerven verliert. Ich war ohnehin völlig durch den Wind, wenn ich nicht gerade mit Behandlungen beschäftigt war. Solange ich meinen Therapieplan abarbeiten konnte, war alles gut. Ich folgte strikt den Anweisungen. Das Krankenhausteam gab mir die Richtung vor, der ich blind gefolgt bin. Ich gab mich völlig in ihre Hände und fühlte mich verstanden und gut aufgehoben. </em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich hatte grenzenloses Vertrauen.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Als du dann mit den Behandlungen durch warst, wie ging es dir da? Kam die große Erleichterung, es geschafft zu haben?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Nein, leider, das habe ich so nicht empfunden. Ich muss sagen, dass ich den Boden unter den Füßen verloren habe, als das alles zu Ende war. Ich fühlte mich verstoßen aus einem Bereich, in dem ich Sicherheit gefunden hatte. Ich durfte nicht einmal zur Nachbehandlung mehr ins Krankenhaus. Ich sollte mich künftig mit allem an meinen Hausarzt wenden. Ich glaube, genau diese Situation hat mich nachhaltig psychisch komplett aus der Bahn geworfen. Man würde doch eher annehmen, dass ich es kaum erwarten konnte, endlich als geheilt entlassen zu werden. Aber für mich hätte es so weitergehen können. </em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich weiß, es klingt absurd, aber genauso hatte ich es empfunden.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Marianne &#8211; Darf ich wieder glücklich sein?</title>
		<link>https://www.kirschhaeubchen.at/gespraech-mit-marianne-teil-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kirschhaeubchen]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 Nov 2024 19:21:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Lebensgeschichten]]></category>
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					<description><![CDATA[Gerhard ist gegangen. Zurück bleibt Marianne – mit der Leere, der Stille und der Frage, wie ein Leben aussehen kann, wenn der Mensch, mit dem man 25 Jahre geteilt hat, plötzlich nicht mehr da ist. Im ersten Teil unseres Gesprächs hat Marianne erzählt, wie sie Gerhard durch seine Demenzerkrankung begleitet hat, wie sie ihn bis [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Gerhard ist gegangen. Zurück bleibt Marianne – mit der Leere, der Stille und der Frage, wie ein Leben aussehen kann, wenn der Mensch, mit dem man 25 Jahre geteilt hat, plötzlich nicht mehr da ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im ersten Teil unseres Gesprächs hat Marianne erzählt, wie sie Gerhard durch seine Demenzerkrankung begleitet hat, wie sie ihn bis zuletzt zu Hause gepflegt und schließlich von ihm Abschied genommen hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Doch mit seinem Tod endete die gemeinsame Geschichte nicht einfach. Für Marianne begann ein neuer, schwieriger Abschnitt: die Zeit danach.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zunächst funktionierte sie. Sie organisierte das Begräbnis, kümmerte sich um alles, was erledigt werden musste, und fand sogar in dieser schweren Zeit noch einen Weg, Gerhards Leben zu feiern. Doch irgendwann war alles getan. Die Menschen gingen nach Hause. Und dann wurde es still.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Heute, zwei Jahre nach seinem Tod, erzählt Marianne, wie sie durch diese Zeit gegangen ist. Sie spricht über Schmerz und Einsamkeit, über die Suche nach einem neuen Sinn und darüber, warum Trauer und Glück kein Widerspruch sein müssen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor allem aber erzählt sie von einer Entscheidung, die sie irgendwann für sich getroffen hat: <strong>wieder zu leben.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie war die Zeit unmittelbar nach Gerhards Tod für dich? Was ist dir davon noch in Erinnerung?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Gleich nach Gerhards Tod war ich sehr beschäftigt. Man nimmt die Realität gar nicht so wahr, weil man so viel zu erledigen hat. Ich habe einwandfrei funktioniert. Ich organisierte sein Begräbnis, versuchte es nach seinen Wünschen auszurichten. In der Kirche hatten wir eine Leinwand aufgebaut und Gerhards Leben in Bildern vorüberziehen lassen. Wir haben seine Lieblingsmusik gespielt und enge Freunde hielten Trauerreden. Es war eine schöne Feier und ich erinnere mich heute noch gerne daran. Aber irgendwann ist alles getan. Und dann wird es ruhig, dann tut es weh. Man spürt die Leere und die Einsamkeit. Gerhard und ich haben immer viel miteinander gesprochen, wir haben damit alle Probleme gelöst, uns über alles verständigt. Aber dann war da niemand mehr, der Antwort geben konnte.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was würdest du jemanden mitgeben wollen, der mit dem Verlust eines geliebten Menschen zurechtkommen muss?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wir hatten Gott sei Dank Zeit, um voneinander Abschied zu nehmen. Wir wussten, worauf wir uns einzustellen hatten. Ich glaube, dass die Bindung bis zum Schluss das Wichtigste ist. Viel wichtiger als jede hoch entwickelte Medizin. Sterben und dabei begleiten ist nichts für Feiglinge. Du kannst dich nicht entziehen. Irgendwann bist auch du an der Reihe, bist involviert oder vielleicht selbst betroffen. Man muss die Zeit nutzen, die man hat. Muss kreativ bleiben, interessiert sein. Man muss leben! Mit aller Kraft.</em> </p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Aus meiner Praxis und den Gesprächen mit Patienten weiß ich, dass die Trauer am schwierigsten ist, bis man endlich akzeptiert, was passiert ist. Wenn ich es annehmen kann, wenn die Wut und die Verdrängung vorbei sind. Dann kann ich mir Gedanken machen, was brauche ich jetzt, was lässt mich lebendig sein.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Könntest du sagen, welche Phasen du in der Trauerbewältigung durchlaufen hast? Wann du gemerkt hast, dass es eine Weiterentwicklung gibt?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich glaube, mein Zustand nach Gerhards Tod lässt sich nicht konkret in verschiedene Abschnitte einteilen. Die Trauer kommt und geht, folgt keinem Schema. Ich weiß nur, dass ich anfangs an starken körperlichen Schmerzen litt. Ich verlor an Gewicht und war psychisch schwer angeschlagen. Im zweiten Jahr nach seinem Tod stellte sich für mich die Frage nach dem Sinn. Was ist jetzt wichtig? Irgendwo öffnete sich ein Entwicklungsfenster. </em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Mir wurde klar, dass meine Kinder eine gesunde Mutter brauchen, wenn sie schon keinen Vater mehr haben. Eine Mutter, die nicht nur klagt und jammert.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was hast du unternommen, um dich wieder besser zu fühlen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich war viel in der Natur. Bei meinen Spaziergängen im Wald fand ich die nötige Ruhe. Ich hörte dabei Musik und achtete bewusst darauf, was mir guttut. Eigentlich habe ich nur das fortgesetzt, was wir beide gerne gemeinsam gemacht haben. Ich bin viele Kilometer gelaufen, aber eben ohne Gerhard. Im nächsten Schritt habe ich aktiv mein soziales Umfeld wieder in mein Leben gelassen. Ich habe aufgemacht und Menschen um mich herum zugelassen. </em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich habe neue Interessen entdeckt, die Genussfähigkeit wiedergefunden, ohne dabei schlechtes Gewissen zu haben. Denn die Seele muss wieder berührt werden!</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>So, wie du das erzählst, klingt es unheimlich tröstlich und motivierend. Kann man gleichzeitig trauern und Glück empfinden?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Es ist ein großer Zwiespalt, wenn die Trauer um den Partner noch so präsent ist. Ich stellte mir die Frage: „Darf ich wieder glücklich sein?“ Ich glaube, es gibt kein Entweder-oder. Es muss beides gleichzeitig möglich sein. Und die Erlaubnis dazu kann man sich nur selbst geben. Auch die Offenheit, einen neuen Menschen, einen neuen Partner zuzulassen. Gerhard bleibt immer bei mir, begleitet mich durchs Leben. Er gibt mir Stärke, hat seinen festen Platz in meinem Herzen. Egal, wer dazu kommt. Manchmal habe ich Angst, dass die Erinnerungen verblassen. Ich möchte das nicht zulassen. Aber diese Angst darf einen nicht runterziehen. Wir brauchen Mut und wir brauchen Arbeitsaufgaben. Wir müssen dort hinschauen, wo es wehtut. Uns dann wieder aufrichten und Glück zulassen.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielen Dank, Marianne, für deine Offenheit und deine Gedanken. Ich bin mir sicher, du gibst damit vielen Menschen, die einen Verlust erlebt haben, Zuversicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Marianne &#8211; Loslassen &#8211; und trotzdem festhalten</title>
		<link>https://www.kirschhaeubchen.at/gespraech-mit-marianne-teil-1/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kirschhaeubchen]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 14 Nov 2024 15:38:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Lebensgeschichten]]></category>
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					<description><![CDATA[Marianne und mich verbindet eine langjährige Freundschaft. Wir teilen wunderschöne und vor allem lustige gemeinsame Erinnerungen, haben aber auch schwere Krisenzeiten miteinander durchgestanden. Vor zwei Jahren hat Marianne ihren Ehemann Gerhard verloren. Sie hat ihn während seiner Krankheit zu Hause betreut und ihn bis zu seinem Tod begleitet. Als wir uns an unserem Lieblingsplatz in [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Marianne und mich verbindet eine langjährige Freundschaft. Wir teilen wunderschöne und vor allem lustige gemeinsame Erinnerungen, haben aber auch schwere Krisenzeiten miteinander durchgestanden. Vor zwei Jahren hat Marianne ihren Ehemann Gerhard verloren. Sie hat ihn während seiner Krankheit zu Hause betreut und ihn bis zu seinem Tod begleitet.</p>



<p class="wp-block-paragraph"> Als wir uns an unserem Lieblingsplatz in Mariannes Küche zusammensetzen, läuft auf Ö3 „Heast das ned“ von Hubert von Goisern. Wir halten beide inne und hören einen Moment lang zu, bevor wir unser Gespräch beginnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht könnte es kein passenderes Lied für dieses Gespräch geben. Denn wenn Marianne von Gerhard erzählt, geht es immer wieder um eines: um Nähe, um Liebe und um das Loslassen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">„Unsere Beziehung begann mit Loslassen und endete auch mit Loslassen“, wird sie später sagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Marianne, wie hast du Gerhard kennengelernt? Wie würdest du euer gemeinsames Leben beschreiben?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wir haben uns 25 Jahre lang begleitet und ich bin dankbar für jedes einzelne Jahr. Unsere Beziehung begann mit „Loslassen“ und endete auch mit „Loslassen“. Ich habe Gerhard auf der Pflegestation kennengelernt, auf der ich damals gearbeitet habe. Es war die Zeit nach dem Lainzer Pflegeskandal, der die österreichische Gesellschaft aufgewühlt hatte. Als Reaktion auf die Missstände im Pflegesystem hatte man verfügt, dass künftig eine diplomierte Krankenschwester einer Station vorstehen musste. Und somit wurde ich mit knapp 20 Jahren als Leiterin eingesetzt und hatte schon als junge Frau große Verantwortung zu tragen. Gerhards Mutter lag auf meiner Station und ihr Ende war absehbar. Gerhard war die Nacht durchgefahren, um sie noch einmal zu sehen. Die offizielle Besuchszeit war längst vorbei und er wurde am Eingang abgewiesen. Er tat mir leid und so habe ich ihn in das Zimmer seiner Mutter begleitet. Er war so dankbar darüber, dass er mir am nächsten Tag Blumen geschickt hat. Darauf folgte eine Einladung zum Essen und der Rest ist Geschichte.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Dann war es also Gerhards Mutter, die euch zusammengebracht hat?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Da muss ich fast schmunzeln, aber du hast Recht. Seine Mutter war gestorben, damit ich ihn kennenlernen konnte. Sie musste scheinbar eingreifen, da er für sich selbst die Richtige nicht finden konnte. Wir haben später oft darüber gescherzt. Gerhard wurde mir vom Himmel geschickt, wo er jetzt wahrscheinlich auch ist.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Mariann, du hast beruflich mit den Themen Verluste, Loslassen und letztendlich dem Tod zu tun. Ist man dadurch auf einen persönlichen Schicksalsschlag besser vorbereitet?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Durch meine langjährige Tätigkeit als Psychotherapeutin und aus meiner Praxis als ehemalige Krankenschwester sind mir die Themen natürlich vertraut. Doch wenn es dich persönlich trifft, ist das soweit von dem entfernt, was du in der Theorie gelernt hast. Gerhard war 25 Jahre älter als ich, ein Altersunterschied, der für mich nie von Bedeutung war. Gerhard war so ein stattlicher Mann. Er war ein leidenschaftlicher Sportler, ein erfolgreicher Manager, aber vor allem ein positiver Lebensgenießer. Er war hart zu sich selbst, für ihn galten keine Ausreden. Seiner Familie gegenüber war er liebevoll und großzügig. Der Familienzusammenhalt, die Geborgenheit darin, das war immer sein höchstes Ziel.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wann habt ihr Gerhards Veränderungen und seine beginnende Krankheit wahrgenommen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Gerhard erkrankte im Alter von 74 Jahren und sein Leiden sollte uns zwei Jahre in Atem halten. Zuerst fiel mir nur seine leichte Verstimmung auf. Er war stets ein fröhlicher Mensch gewesen. Jetzt ging sein Antrieb immer mehr verloren. Die leichte Verstimmung wechselte zu einer anhaltenden depressiven Grundstimmung. Dazu kamen Konzentrationsprobleme, Orientierungslosigkeit und Verwirrtheit. Wir ließen seinen Zustand fachärztlich abklären und die Diagnose war niederschmetternd. Es wurde vaskuläre Demenz festgestellt, die durch Durchblutungsstörungen im Gehirn entsteht. Je nachdem, welcher Bereich betroffen ist, sind auch die Auswirkungen unterschiedlicher Natur. Das Krankheitsbild war mir bekannt, aber dass es einmal meine große Liebe treffen könnte, das war mir nie in den Sinn gekommen. Ich habe damals viel geweint, konnte es nicht glauben. Aber dann habe ich mich der Aufgabe gestellt. Es gab keine Wahl.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Pflege eines Menschen mit Demenz ist sehr schwierig. Wie bist du anfangs damit umgegangen? Wie hast du die Herausforderungen bewältigt?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Am Anfang konnte ich seine Pflege zu Hause noch recht gut bewerkstelligen. Solange sich Gerhard in seinem gewohnten Umfeld bewegte und einen geregelten Ablauf hatte, waren die Schwierigkeiten überschaubar. Unsere Kinder haben mich gut unterstützt, ich konnte bei der Betreuung auch auf die Hilfe von Freunden und Nachbarn zählen. Gerhards Krankheitsbild war von einer inneren Getriebenheit und auch Aggressionsbereitschaft geprägt. Er hatte diesen unaufhaltsamen Drang, ständig in Bewegung zu sein, er konnte nicht still sitzen. Wir begannen, endlos lange Spaziergänge zu unternehmen und ich konnte ihn auch nicht alleine losziehen lassen. Ich weiß es nicht, wie viele Kilometer wir zurückgelegt haben. Man erkannte uns schon von weitem, wenn wir immer und immer wieder unsere Runden zogen.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wann hast du dich dazu entschlossen, auf fremde Hilfe zurückzugreifen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Gerhards Tagesbetreuung funktionierte mal mehr, mal weniger gut. Ich wollte und konnte meinem Beruf nicht aufgeben und somit musste immer jemand im Haus sein. So stießen wir bei der Organisation allmählich an unsere Grenzen. Wirklich schlimm waren die Nächte, in denen ich auf mich alleine gestellt war. Gerhard litt an einer Reizblase und war unzählige Male wach, machte Licht, weckte mich, lief im Haus umher. Ich war kraftlos vom Tag und fand keine Erholung im Schlaf. Irgendwann war es dann zu viel und wir mussten auf einen Pflegedienst zurückgreifen. Man kann sich nicht vorstellen, wie schwierig es ist, jemanden zu finden, auf den man sich verlassen kann. Insgesamt hatten wir vierzehn verschiedene Pflegekräfte bei uns zu Hause. Gerhard war damit gar nicht einverstanden und zeigte offen seinen Unmut. Mit fortschreitender Krankheit war er immer mehr auf mich fixiert. Es waren zwar alle involviert, die engste Familie, der Freundeskreis, aber wirklich beruhigen konnte nur ich ihn. Ich habe ihn in den Arm genommen, sanft auf ihn eingeredet und alles war wieder gut. Er hatte solche Angst vor dem Alleinsein. Immer wieder bat er mich, ihn nicht zu verlassen.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Hast du jemals daran gedacht, Gerhard in ein Pflegeheim zu geben</strong>?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Nein. Daran habe ich niemals gedacht. </em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em> Ich habe ihm mein Versprechen gegeben, bis zum Schluss für ihn da zu sein. Selbst wenn es noch so schwer werden würde. Ich habe auch nie unser gemeinsames Schlafzimmer verlassen. Ich wollte bewusst seine Nähe genießen, solange uns die Zeit geschenkt war. Wir haben viel gekuschelt. Nachts, wenn er mich wieder geweckt hat, habe ich mich auf seinen Arm gelegt, das hat ihn beruhigt. Körperkontakt war mir so wichtig, ich wollte jede Sekunde auskosten. Egal, wie dement er war &#8211; ich wollte dieses Gefühl für die Zeit danach konservieren.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Warum hat sich sein Zustand so dramatisch verschlechtert?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Nicht die Demenz an sich, sondern eine schwere Sepsis, die er sich durch eine unzureichende Behandlung beim Urologen zugezogen hatte, führte dann zu einer rapiden Verschlechterung. Längst hatten wir das Wohnzimmer in ein Krankenlager umfunktioniert und Gerhards Bett dort aufgestellt. Es war mir wichtig, dass er mitten unter uns war und an unserem Alltag teilnehmen konnte. Um Weihnachten haben wir die Hoffnung auf Besserung endgültig aufgegeben.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"> <em>Wir hatten eine Wohngemeinschaft gebildet – und Gerhard war der Mittelpunkt</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie habt ihr euer letztes Weihnachtsfest gefeiert?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>An Heiligabend waren alle da, Gerhards Kinder aus seiner früheren Beziehung, unsere beiden gemeinsamen Kinder, meine beiden Schwestern, meine Freundin Bea und Gerhards beste Freundin aus Kindheitstagen. Gerhard, in seinem Krankenbett sitzend, hatte mit uns noch Weihnachtslieder gesungen. Es war aber so spürbar, dass seine Kräfte immer mehr schwanden. Nach der Bescherung fuhren meine Schwestern kurz nach Hause, um ein paar Sachen zu holen. Sie wollten mich in dieser Phase nicht alleine lassen und haben sich kurzerhand für die nächsten Tage bei uns einquartiert. Wir haben das Wohnzimmer in ein Matratzenlager verwandelt. Niemand verspürte mehr das Bedürfnis, in seinem eigenen Zimmer zu schlafen. Sieben Tage und sieben Nächte haben wir gemeinsam gewacht, gekocht, gegessen, uns Geschichten erzählt, gelacht und geweint. Wir hatten eine Wohngemeinschaft gebildet und Gerhard war der Mittelpunkt.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Und zu Silvester sollte sein letzter Tag sein?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Am Silvestertag war dann auch eine Palliativärztin anwesend, die mit Medikamenten dafür sorgte, dass er keine Schmerzen erdulden musste. Er nahm kaum noch Flüssigkeit zu sich. Um ihn ein bisschen zu verwöhnen, haben wir ein Wattestäbchen in den Likör von Mon Cherie getaucht und damit seine Lippen benetzt. Die mochte er so gerne. Anna wusch ihm die Haare mit Trockenshampoo. Ihr Papa sollte gut aussehen, wenn er seine Reise antritt. Es war ein eigentümliches Warten, die Anspannung war unerträglich. Die Palliativärztin schmiss uns förmlich aus dem Hause und nötigte uns zu einem langen Spaziergang an der frischen Luft. Sie spürte, dass er nicht gehen konnte, solange wir alle um ihn waren. Als wir um 13 Uhr zurückkamen und die Türe öffneten, fiel ein Sonnenstrahl auf sein Gesicht und er hörte auf zu atmen.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Konntet ihr euch gut verabschieden? Wie seid ihr damit umgegangen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wir waren alle sehr gefasst, wir hatten uns über zwei Jahre jeden Tag ein Stückchen mehr von ihm verabschiedet. Wir schrieben noch ein paar Zeilen an ihn. Jeder für sich, ohne es mit den anderen zu teilen. Wir falteten die Zettelchen und steckten sie in die Tasche seines Sakkos, das wir ihm mitgegeben haben. Auch eine Armbanduhr haben wir ihm angelegt, Gerhard war Pünktlichkeit immer so wichtig gewesen. Zuletzt haben wir uns die Hände gereicht, ein Vaterunser gebetet und dann hat ihn der Bestatter abgeholt.</em></p>
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		<item>
		<title>Dagmar – Was von einer Begegnung bleibt</title>
		<link>https://www.kirschhaeubchen.at/gespraech-mit-dagmar/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kirschhaeubchen]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 07 Oct 2024 04:19:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Lebensgeschichten]]></category>
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					<description><![CDATA[Auf dieses Gespräch freue ich mich ganz besonders, weil ich Dagmar scheinbar zufällig begegnet bin. Scheinbar nur deshalb, weil wir beide einen gemeinsamen Freund haben, ohne es bislang zu wissen. Ich glaube sogar, dass unsere Begegnung ein Zeichen dafür ist, dass im Leben irgendwie alles zusammenhängt. Dagmar ist diplomierte Krankenschwester und unterrichtet seit einigen Jahren [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Auf dieses Gespräch freue ich mich ganz besonders, weil ich Dagmar scheinbar zufällig begegnet bin. Scheinbar nur deshalb, weil wir beide einen gemeinsamen Freund haben, ohne es bislang zu wissen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich glaube sogar, dass unsere Begegnung ein Zeichen dafür ist, dass im Leben irgendwie alles zusammenhängt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dagmar ist diplomierte Krankenschwester und unterrichtet seit einigen Jahren Pflegefachassistent in Palliative Care am Campus Donaustadt. Unser gemeinsamer Freund Klaus ist dort geduldiger Simulationspatient für die Auszubildenden. Klaus wiederum hat mich bei Kathis Buchprojekt mit seiner technischen Expertise unterstützt und tut das auch heute noch bei meinem Blog.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Klaus dann eines Tages zufällig im Unterricht Kathis Buch „Kirschhäubchen“ auf dem Tisch liegen sah, war die Überraschung groß. Und schnell war der Zusammenhang zwischen uns aufgeklärt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Liebe Dagmar, ich freue mich sehr, dass wir uns gefunden haben. Wie hast du Kathi damals kennengelernt? Woher kanntet ihr euch?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich war viele Jahre Krankenschwester auf der Onkologie der Station 18 H im AKH Wien. Als Kathi dort 2014 aufgenommen wurde, war ich auch für sie zuständig. Sie war eine meiner interessantesten und coolsten Patientinnen, wenn ich das so sagen darf.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Sie wusste über ihren kritischen Zustand Bescheid und setzte sich bewusst mit ihrer Krebserkrankung auseinander. Ich habe sie immer bewundert, mit welcher Gefasstheit sie ihrem Schicksal entgegengetreten ist. Sie ließ sich trotz der Rückschläge und Beschwerden nicht unterkriegen. Sie war eine Kämpfernatur. Das war bemerkenswert und wird mir immer in Erinnerung bleiben.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Erinnerst du dich noch, wie ihr ins Gespräch gekommen seid?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ja, das tue ich, und zwar ziemlich genau. Wir hatten als Krankenschwestern ein neues Aufgabengebiet übernommen: das Anstechen des Port-a-Cath, eines unter der Haut liegenden Zugangs für Infusionen.</em> <em>Kathi hatte gerade eben so einen Port-a-Cath implantiert bekommen und ich war dafür zuständig, ihr die erste Infusion zu verabreichen. Ich war fürchterlich nervös und wollte ihr auf keinen Fall wehtun. Kathi hat das sofort bemerkt und zur Ablenkung zu erzählen begonnen.</em> <em>So habe ich sie kennengelernt. Und die Gespräche mit ihr wurden zu einer lieben Gewohnheit.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Sie war ein unwahrscheinlich offener und herzlicher Mensch, man musste sie einfach gernhaben. Kathi hat uns alle auf der Station sehr berührt. So ein junger Mensch – das lässt niemanden kalt.</em> <em>Sie hat mir auch von ihrem Blog erzählt, den ich dann regelmäßig gelesen habe. Es war interessant, Einblick in die Sichtweise einer Patientin zu bekommen.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Und ich habe mich sehr gefreut, dass du das Buch für sie fertiggestellt hast. Das war ihr größter Wunsch.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe jahrelang darunter gelitten, dass ich Kathis Hand nicht halten konnte, als sie gegangen ist. Ich dachte, ich hätte sie im entscheidenden Moment alleine gelassen. Die nächste Frage fällt mir deshalb selbst schwer: Hast du sie an ihrem letzten Tag noch gesehen?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Nein, ich war auch nicht bei ihr. Ich hatte am Tag vor ihrem Tod noch Dienst. Ihr Zustand war bereits kritisch. Es war irgendwie absehbar, dass es zu Ende geht.</em> <em>Ich habe das gefühlt, obwohl sich ein genauer Zeitpunkt nicht abschätzen lässt. In all den Jahren hat man sich hier leider ein Wissen darüber angeeignet.</em> <em>Aus meiner Erfahrung kann ich dir sagen, dass Sterbende oft gerne alleine fortgehen, dass sie das bewusst so wählen.</em></p>



<h6 class="wp-block-heading">Wie kann man als Krankenschwester damit umgehen? Wie steckt ihr das weg?</h6>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Weißt du, wenn man die Patienten begleitet, ihren Kampf und ihr Leiden sieht, ihre Verzagtheit und ihre Müdigkeit mitansehen muss, dann ist man auch erleichtert, dass das nun vorbei ist.</em> <em>Wir bemerken die Anzeichen, wenn ein Patient bereit ist. Er zieht sich innerlich zurück, kapselt sich ab. Als Angehöriger mag man das nicht sehen. Wahrscheinlich ist es Selbstschutz.</em> <em>Manchmal glaube ich, dass ein Mensch spürt, dass ihm nur ein kurzes Leben zur Verfügung steht. Diese Menschen leben viel rasanter, viel intensiver als andere. Als müssten sie so viel wie möglich aus ihrer Zeit herausholen.</em></p>



<h6 class="wp-block-heading">Du bist heute Vortragende und arbeitest nicht mehr im AKH. Warum hast du gewechselt?</h6>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Irgendwann ist es genug. Irgendwann kann man sich nicht mehr ausreichend abgrenzen. Man nimmt die Geschichten mit nach Hause.</em> <em>Ich war 17 Jahre lang gerne Schwester auf der Onkologie. Auf die Station 18 H kamen nur schwere Fälle. Krebskranke, deren Aussicht auf Heilung schon von Anfang an gering war. Achtzig Prozent überleben ihre Krankheit nicht.</em> <em>Es ist schwer, dem Tod so häufig zu begegnen. Und bei einem jungen Menschen ist die Betroffenheit noch viel größer.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich habe auf der Krebsstation viel Demut vor dem Leben mitgenommen. Ich habe es geschätzt, eine persönliche Beziehung zu meinen Patienten aufzubauen und sie, soweit es mir möglich war, zu unterstützen.</em> <em>Wir haben auch im Team vieles besprochen und uns gegenseitig gestützt. Das war sehr wichtig, um die Belastung auszuhalten.</em></p>



<h6 class="wp-block-heading">Wie unterscheidet sich deine jetzige Tätigkeit von der Zeit als Krankenschwester?</h6>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich unterrichte jetzt Pflegefachassistent in einem Lehrgang für Palliative Care, der sich über einen Zeitraum von zwei Jahren erstreckt. Ich kann dort viel aus meiner Tätigkeit auf der Krebsstation einbringen.</em> <em>Würde ich wieder in die Pflege zurückkehren, wäre mein Platz definitiv auf einer Palliativstation. Dort herrscht eine andere Atmosphäre.</em> <em>Hier gibt es den Kampf, Heilung um jeden Preis, nicht mehr. Das Zwischenmenschliche rückt in den Vordergrund, es ist insgesamt friedlicher.</em> <em>Der Fokus liegt auf der Schmerzbehandlung und nicht mehr auf der Symptombehandlung. Sich Zeit für ein Gespräch zu nehmen, ist viel hilfreicher, als Medikamente zu verabreichen.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Aber zurzeit erfüllt mich meine Lehrtätigkeit sehr und ich möchte sie nicht missen.</em> <em>I</em><em>ch habe meinen Schüler schon oft von Kathi erzählt. Ich möchte ihnen vermitteln, dass hinter jedem Patienten ein Mensch mit seiner eigenen Geschichte steht. Kathis Geschichte ist dafür ein besonders eindrucksvolles Beispiel.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Und aus unserer Begegnung ist inzwischen etwas ganz Besonderes entstanden: Du kommst regelmäßig zu mir in den Unterricht und erzählst als Kathis Mutter von ihr, von ihrer Erkrankung und von euren gemeinsamen Erfahrungen. Die Schüler können dir Fragen stellen und bekommen dadurch einen Einblick, den man aus einem Lehrbuch niemals bekommen kann.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Auch Kathis Buch „Kirschhäubchen“ habe ich im Unterricht schon gezeigt und herumgereicht. Ich finde es wichtig, dass meine Schüler nicht nur lernen, wie man einen Patienten medizinisch versorgt, sondern auch verstehen, wie sich ein Mensch in dieser Situation fühlt.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Darum geht es letztendlich.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Liebe Dagmar, vielen Dank für deinen Beitrag und auch dafür, dass aus unserer Begegnung etwas entstanden ist, das weit über diese eine Begegnung hinausgeht. Für mich ist es wunderschön zu hören, dass Menschen wie du sich um Kathi gekümmert haben. Und es ist tröstlich zu wissen, dass ihre Geschichte heute noch junge Menschen in ihrer Ausbildung erreicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich komme wirklich gerne wieder zu euch in den Unterricht. Und Bücher bringe ich natürlich auch wieder mit! </p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Gaby – Mark ist immer und überall da</title>
		<link>https://www.kirschhaeubchen.at/gespraech-mit-gaby/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kirschhaeubchen]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 06 Sep 2024 04:31:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Lebensgeschichten]]></category>
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					<description><![CDATA[Heute erzählt mir Gaby ihre traurige Geschichte. Ihr Lebenspartner Mark ist letztes Jahr im Oktober von einer Wandertour in den Tiroler Bergen nicht mehr zurückgekehrt. Gaby, wie hast du die Nachricht von Marks Tod erhalten? Was waren deine Gedanken, wie hast du reagiert? Mark hatte einen Wanderurlaub geplant und sich schon sehr darauf gefreut. Unterwegs [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Heute erzählt mir Gaby ihre traurige Geschichte. Ihr Lebenspartner Mark ist letztes Jahr im Oktober von einer Wandertour in den Tiroler Bergen nicht mehr zurückgekehrt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gaby, wie hast du die Nachricht von Marks Tod erhalten? Was waren deine Gedanken, wie hast du reagiert?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Mark hatte einen Wanderurlaub geplant und sich schon sehr darauf gefreut. Unterwegs hatte er mir noch Fotos und WhatsApp-Nachrichten von der schönen Aussicht geschickt. Er war gut drauf und glücklich, endlich wieder in seinen geliebten Bergen zu sein.</em> <em>Zwei Stunden später klingelte es an der Tür. Die Frau von Marks Wandergefährten überbrachte mir die schreckliche Nachricht.</em> <em>Von einem Moment auf den anderen war nichts mehr so, wie es vorher war. Es hat mich weggespült, da war völlige Leere. Ich habe wie mechanisch funktioniert.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich denke noch immer, dass er nur kurz irgendwo ist und wieder zurückkommt.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Dein Schicksalsschlag liegt erst kurze Zeit zurück. Kannst du dennoch sagen, was dir in der ersten Phase der Trauer geholfen hat?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>So unbegreiflich es auch klingen mag, Mark hat sich den für ihn schönsten Ort ausgesucht. Er war glücklich in diesem Moment. Sein Tod trat innerhalb von Sekunden ein, er musste nicht leiden. Es geschah an seinem besonderen Platz, so wie es sein Wunsch war. Nur traf es ihn viel zu früh. Es gibt nichts, was einem gegen all den Schmerz, der danach kommt, schützen kann. Es hilft nur der Glaube an die eigene Kraft, daran, dass es irgendwie weitergeht.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie konntest du dich motivieren, weiterzumachen?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Mark war so stark und doch musste er gehen. Ich tröste mich mit dem Gedanken, meinem Lebensmenschen begegnet zu sein. Das ist ein unsagbares Glück. Ich begreife erst langsam die Tragweite. Bilder ziehen an mir vorbei, Marks Seele wandert neben mir. Tag für Tag. Er ist ein Teil von mir. Dort, wo er jetzt ist, hat er Spaß mit seinem besten Freund Api. Er ist seiner Mutter nahe, die er so lange vermisst hat. Und ab und zu schaut er mit einem Augenzwinkern bei mir vorbei.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie hat dein Umfeld reagiert, was hat dich gestützt?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Jeder war bestürzt und fassungslos angesichts dessen, was passiert war. Mark war stark und gesellig, er hat das Leben geliebt und gefeiert. Wie konnte er plötzlich nicht mehr da sein, ohne Vorwarnung?</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich hatte so viel zu viel zu tun, vor allem mit mir selbst. Dazu musste ich vieles organisieren, die Überstellung, die Beisetzung in seinem Geburtsort in Abstimmung mit seiner Familie. Dazu kümmerte ich mich auch um die Verlassenschaft. Es waren unzählige Dinge zu erledigen. Ich bin neben mir gestanden und habe mir dabei zugesehen, aber begriffen habe ich es nicht.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Für mich klingt das so, als fühltest du dich im Stich gelassen und hättest dringend Hilfe gebraucht.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich fühlte mich nicht direkt im Stich gelassen, denn meine beiden Söhne und auch Marks Söhne waren immer an meiner Seite. Aber man fragt sich schon, wie groß das Mitgefühl derjenigen ist, die erst jetzt, nach fast 11 Monaten, Hilfe und Unterstützung anbieten. </em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Was hättest du dir an Hilfestellung gewünscht? Wie hätte die aussehen sollen?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich tue mir schwer, um Unterstützung zu bitten. Aber in dieser schweren Zeit auf Hilfe angewiesen zu sein, verletzlich zu sein, das ist nicht angenehm.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie würdest du damit umgehen, wenn du jemanden zu trösten hättest?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich würde auf alle Fälle zuhören und umarmen, halten, den Schmerz (mit)aushalten. Das Leben trifft einen manchmal mit voller Härte, niemand sucht sich das aus. Ohne viele Worte verstehen und da sein. Ich bin unendlich dankbar dafür, dass es solche Menschen in meinem Umfeld gibt. Vor allem meine beiden Söhne sind mir eine große Stütze. Ich schöpfe Kraft aus diesen Momenten, die ich mit besonderen Menschen teilen&nbsp;darf.&nbsp;</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Hat sich deine Einstellung zum Leben oder dem verändert? Hast du dich verändert?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ja, ganz sicher! Die Leichtigkeit unseres Lebens, das WIR ist verschwunden. Marks Tod hat vieles mitgenommen, den Sinn, die Lebensfreude, unsere gemeinsame Zukunft. Aber niemand kann mir meine Erinnerungen nehmen. Dieser Gedanke stützt mich, bringt mich ihm näher und schließt an unsere glückliche Zeit an.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich möchte mein Leben der neuen Situation anpassen. Aber noch habe ich keine Ahnung, wie das gehen soll. Manches passt nicht mehr zu meinem jetzigen Leben.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie behältst du Mark in deinem Leben? Welche Erinnerungen sind wach? </p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Anfangs habe ich versucht, unseren Tagesrhythmus beizubehalten. Ich bin an Orte gefahren, die ich mit ihm verbinde. Manchmal bin ich sogar so weit gegangen, dass ich Dinge gegessen oder getrunken habe, die er mochte. Nur um ihm nahe zu sein. Ich habe Gedanken mit seinen Worten zu Ende gedacht.  Mark fehlt mir jeden Tag. Es sind die täglichen, kleinen Dinge und Gesten. Der Rasierschaum auf seiner Haut, die Zahnpastatube in der Dusche. Seine Weste über dem Sessel. Der Klang seiner Stimme, wenn er zur Tür hereingekommen ist. Das gemeinsame Frühstück, unsere wunderbaren Gespräche. </em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Mark ist immer und überall da.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Gaby, ich danke dir für deine berührende Geschichte und dafür, dass du sie mit mir und den Leser teilst. Ich hoffe, dass es dir ein wenig hilft, deine Gedanken und Erinnerungen in Worte zu fassen. Und vielleicht ist genau das auch ein Teil davon, wie Mark weiterhin bei dir sein kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Jil &#8211; Wenn Kathi jetzt da wäre</title>
		<link>https://www.kirschhaeubchen.at/gespraech-mit-jil/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kirschhaeubchen]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 08 Jun 2024 11:51:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Lebensgeschichten]]></category>
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					<description><![CDATA[Kathi wurde während ihrer Krankheit von ihren drei besten Freundinnen begleitet. Da waren Jil, Maria und Chrisi, die sie seit ihrer Schulzeit kannte. Jil ist mit ihrer Familie nach Pittsburgh gezogen. Wir haben immer noch Kontakt zueinander, folgen uns auf Instagram und Facebook und manchmal schaffen wir es, ausführlich zu telefonieren.&#160;Und während eines langen Videocalls [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">Kathi wurde während ihrer Krankheit von ihren drei besten Freundinnen begleitet. Da waren Jil, Maria und Chrisi, die sie seit ihrer Schulzeit kannte. Jil ist mit ihrer Familie nach Pittsburgh gezogen. Wir haben immer noch Kontakt zueinander, folgen uns auf Instagram und Facebook und manchmal schaffen wir es, ausführlich zu telefonieren.&nbsp;Und während eines langen Videocalls ist dieses Gespräch entstanden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie hast du Kathis Krankheit und dann ihren Tod empfunden, was sind heute nach so vielen Jahren deine Erinnerungen daran?&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich weiß noch genau, wo ich war, als sie mich angerufen hat und mir erzählt hat, dass die Ärzte einen Tumor gefunden haben. Von da an war alles sehr unwirklich. Ich habe die Realität auch relativ lange verdrängt. Es gab so viele schlechte Nachrichten während ihrer Krankheit, aber die wollten wir halt alle nicht wahrhaben und akzeptieren. Da ging&#8217;s dann eher darum, in eine andere Richtung nachzuforschen, einen anderen Arzt um eine Meinung zu fragen, Erfolgsgeschichten zu suchen, die Hoffnung geben. Ich war gleichzeitig schwanger mit Vincent, hatte bereits ein Baby zu Hause. Kathis Krankheit hat sich meist so unwirklich angefühlt. Das konnte doch gar nicht sein, in dem Alter! Ich habe ständig darauf gewartet, dass irgendwer sagt: &#8222;Wir haben uns geirrt&#8220; oder &#8222;Wir haben ein neues Medikament, macht euch keine Sorgen mehr.&#8220;&nbsp;</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Was hat dir in der ersten Zeit der Trauer geholfen? Wie konntest du dich motivieren, weiterzumachen?&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Meine zwei Kinder und Terry, mein Mann, haben mich sehr unterstützt. Die beiden Buben waren noch so klein, der Alltag mit ihnen hat da bestimmt geholfen, um erstmal alles zu verdrängen. Dass irgendwas speziell geholfen hätte, könnte ich nicht sagen. Es gab nichts, was diese Situation weniger schmerzhaft hätte machen können. Wir Mädels haben uns in der ersten Zeit noch oft getroffen, sind auch ein Wochenende gemeinsam weggefahren, wo wir viele Geschichten immer und immer wieder erzählt haben. Es wurde viel gelacht, aber noch viel mehr geweint. Das erste Jahr nach ihrem Tod war auch wieder unwirklich, viele Tage habe ich wie in einer Wolke erlebt. Es hilft da einfach nichts &#8211; nicht mal Zeit. Man lernt halt, mit dem Gefühl zu leben, aber dass irgendwas mir wirklich geholfen hätte, könnte ich nicht sagen.&nbsp;</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie hat dein Umfeld reagiert &#8211; was hat dich gestützt, was hast du als das Gegenteil empfunden?&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich kann mich erinnern, dass Terry sehr verständnisvoll war, was Gefühlsausbrüche und Stimmungsschwankungen betroffen hat. Ich habe dazwischen auch immer wieder Zeit für mich alleine gebraucht und wollte gar niemanden um mich haben. In der ersten Zeit nach ihrem Tod hat mich auch alles an Kathi erinnert. Lieder im Radio, die Handtasche, die im Vorzimmer hing, die ich mit ihr gekauft hatte, das Kaffeehaus um die Ecke, wo wir immer frühstücken waren, die Bank im Park, wo wir stundenlang gesessen sind, wenn wer blöd geschaut hat und ich mir Kathis Kommentar vorgestellt habe, die Weste, die sie mir geschenkt hat, das Essen beim Heurigen, das sie bestellt hätte &#8211; alles, an jeder Ecke, in jeder Situation.&nbsp;</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Was hättest du dir gewünscht an Hilfe, die du aber nicht bekommen hast?&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich könnte nicht sagen, dass ich mir irgendwas anders vorgestellt oder gewünscht hätte. Alle um mich herum haben genauso mit der Trauer gekämpft und mussten ihren eigenen Weg da durchfinden. Man kann zwar im Alltag versuchen, sich etwas abzulenken, aber sobald ein ruhiger Moment da ist, überkommt es einen. Jeder in meinem Umfeld war ja genauso von Kathis Tod betroffen. Wir waren alle im selben Boot.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie würdest du nun damit umgehen, wenn du jemanden zu trösten hättest?&nbsp;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Da hilft nichts, egal was man sagt. Einfach nur Verständnis zeigen und da sein, falls die Person darüber reden will. Meiner Meinung nach gibt&#8217;s da nicht wirklich was, das hilft. Jeder geht auch mit der Trauer anders um. Manche ziehen sich mehr zurück, manche brauchen die Leute um sich. Dann hat man wieder das Gefühl, es geht halbwegs, auf einmal kommt die Welle und trifft dich frontal. Manchmal hatte ich auch Phasen, in denen ich ganz oft von ihr geträumt habe &#8211; da habe ich dann persönlich auch immer ein paar Tage gebraucht, bis ich das halbwegs verdaut hatte.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Hast du Lehren aus ihrem Tod gezogen und handelst nun anders, als du es vorher getan hast? Hast du dich verändert?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Natürlich denkt man sich, dass man vieles nicht als so selbstverständlich ansehen soll. Dass jederzeit etwas passieren kann, was ganz unerwartet alles verändert. Aber im Grunde sind es die ganz einfachen Dinge, die ich schätze und die wir alle gerne mit Kathi geteilt hätten. Die Situationen zwischendurch, wo man einfach glücklich ist und sich dessen bewusst ist &#8211; und dann daran denkt, wie schön es wäre, wenn Kathi jetzt da wäre. Vielleicht ein bisschen dankbarer oder sich dessen bewusst sein, was man hat. Ich glaube, wir haben uns alle sehr verändert, durch ihren Tod und sicherlich auch durch meinen Umzug nach Pittsburgh. Alle haben ihr eigenes Leben, Familie und Job etc. &#8211; der Kontakt zwischen uns Freundinnen hat sich nicht nur sehr reduziert, sondern leider auch teilweise ganz aufgehört.&nbsp;&nbsp;</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie behältst du Kathi in deinem Leben, welche Erinnerungen sind wach? </p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich glaube, es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Kathi denke. Vielleicht nicht mehr mit dieser Schwere wie noch vor ein paar Jahren, sondern öfter mal mit einem Lächeln oder der Vorstellung, wie sie jetzt gerade reagieren oder die Augen verdrehen würde. Ich habe ein paar Kleinigkeiten, die Kathi gehört haben. Eine Weste, die ich immer noch ständig anziehe. Eine Zitronenpresse, die wir JEDEN TAG verwenden, vor allem mein Sohn Ben, der auch ganz genau weiß, dass es Kathis Zitronenpresse war. Genauso wie die Kinderteller von ihr, die wir immer noch verwenden. Es gibt auch so viele Fotos von uns beiden gemeinsam, von Wochenend-Trips und Urlauben. Kathi hat ja auch von überall Postkarten geschickt (und auch Postkarten von jedem erwartet). Ich habe eine kleine Kiste mit allen möglichen Erinnerungen, die ich immer wieder mal durchschaue. Ich denke ganz oft daran, wie ihr Leben jetzt mit fast 40 ausschauen würde, und bin mir fast sicher, dass sie für meine Kinder die Tante wäre, die viel zu teure Geschenke schickt und sich mit uns in New York zum Shoppen treffen würde. Auch wenn&#8217;s für uns alle zu teuer wäre, sie hätte das bestimmt durchgesetzt <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f609.png" alt="😉" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /> Vielleicht würde alles auch ganz anders ausschauen, wer weiß.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Unser Leben würde aber auf alle Fälle anders aussehen, wenn sie noch da wäre.&nbsp;</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Claudia &#8211; Wir hatten noch so viel vor</title>
		<link>https://www.kirschhaeubchen.at/gespraech-mit-claudia/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kirschhaeubchen]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 22 Mar 2024 12:53:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Lebensgeschichten]]></category>
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					<description><![CDATA[Heute spreche ich mit meiner lieben Freundin Claudia. Der Tod ihres Lebensgefährten Günter traf sie völlig unerwartet – und ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem sich beide auf eine gemeinsame, ereignisreiche und unbeschwerte Zukunft gefreut hatten. Ihre Kinder waren längst aus dem Haus und brauchten keine große Unterstützung mehr. Beide hatten sichere Arbeitsplätze, das Haus [&#8230;]]]></description>
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<p class="wp-block-paragraph">Heute spreche ich mit meiner lieben Freundin Claudia. Der Tod ihres Lebensgefährten Günter traf sie völlig unerwartet – und ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem sich beide auf eine gemeinsame, ereignisreiche und unbeschwerte Zukunft gefreut hatten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre Kinder waren längst aus dem Haus und brauchten keine große Unterstützung mehr. Beide hatten sichere Arbeitsplätze, das Haus war abbezahlt. Endlich schien die Zeit gekommen, das Leben gemeinsam in vollen Zügen zu genießen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Doch es kam ganz anders.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Claudia, Günters Tod kam völlig überraschend. Hattest du eine Vorahnung?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Nein, ganz und gar nicht. Obwohl wir aus unerklärlichem Grund einen Tag vor seinem Tod darüber gesprochen haben, was ich zu tun hätte, wenn er plötzlich verstirbt. Wie er sich seinen letzten Weg vorstellt, was ihm wichtig wäre.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Seit dem Tod meines Vaters habe ich dieses Thema immer wieder angeschnitten, weil es mich einfach beschäftigt hat. Irgendwie war Günter nie richtig darauf eingestiegen. Es blieb ein Tabuthema mit vielen Fragezeichen.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie hast du Günters Tod erlebt? Was ist dir davon bis heute besonders in Erinnerung geblieben?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Am Sonntag, dem 4. Dezember 2022, bin ich wie immer vor Günter aufgestanden und habe ein paar Dinge im Haushalt erledigt. Ich habe diese ruhige Zeit am Sonntagvormittag genossen. Es gab keinen Stress, wir lebten unseren unterschiedlichen Rhythmus. Alles war gut.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Als es schon gegen Mittag ging, wollte ich ihn dann doch wecken. Ich bin ins Schlafzimmer gegangen und habe bemerkt, dass er sich nicht bewegte.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Günter hat mich oft erschreckt und sich schlafend gestellt, um mich dann plötzlich mit lautem Geschrei und Gelächter aus der Fassung zu bringen. Ich dachte zunächst vielleicht sogar an so einen Scherz. Aber diesmal blieb alles aus.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich habe ihn gefragt, ob er nicht aufstehen wolle, und seine Hand gestreichelt. Da bemerkte ich, dass er sich kalt anfühlte. Ich nahm seine Hand, schüttelte ihn panisch und schrie ihn an. Sehr schnell habe ich begriffen, dass ich ihm nicht mehr helfen konnte.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Was geschah dann? Warst du überhaupt in der Lage zu handeln?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich habe den Notruf gewählt und bin nicht durchgekommen. Da fiel mir ein Kollege ein, der ehrenamtlich beim Roten Kreuz arbeitet. Seine Nummer habe ich dann gewählt. Er hat sofort verstanden, was los war. Hat mich instruiert, was ich tun muss, und die nächsten Schritte in die Wege geleitet. </em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Für mich war es einfach unfassbar. Aber wie schon oft in außergewöhnlichen Situationen, habe ich einfach funktioniert. Als dann alle Rettungskräfte im Haus waren und mir ein Sanitäter und anschließend auch der Notarzt mitteilten, dass es leider keine Hilfe mehr gegeben hat, er an einem Herzinfarkt ohne Kampf einfach verstorben war und das bestimmt schon in den frühen Morgenstunden geschehen ist, war es schwer, das alles zu begreifen. Ich habe mir Vorwürfe gemacht, ihn nicht früher geweckt zu haben. Vielleicht hätte ich das Drama verhindern können? Aber es musste passiert sein, als ich selbst noch geschlafen habe.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Du warst in diesem Moment mit einer unglaublichen Situation konfrontiert. Warst du trotzdem allein damit?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Für mich war klar: Ich muss meine Töchter informieren. Meine Kinder kenne ich besser als seine und ich hatte eine Ahnung, wie ihre Reaktion sein würde.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Günters Kinder zu informieren, war für mich eine große Herausforderung. Ich wollte aber nicht, dass jemand Fremder ihnen diese Nachricht überbringt. Ich habe mich schließlich für einen Anruf bei Anna entschieden, seiner mittleren Tochter. Sie schien mir am gefestigtsten zu sein.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Nach etwa einer Stunde hatte ich volles Haus: Sanitäter, Notarzt, meine und Günters Kinder, ein Kriseninterventionsteam. Alle waren da. Ich hatte Unterstützung und Hilfe.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Was war für dich in diesen ersten Stunden besonders schwer?</p>



<p class="wp-block-paragraph">S<em>ehr schlimm habe ich es empfunden, als die Bestattung kam und Günter im Wagen weggebracht wurde. Wir standen auf der Straße und haben dem Auto nachgeschaut.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Was hat dir in der ersten Zeit der Trauer geholfen? Wie hast du die Kraft gefunden, weiterzumachen?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Die ersten Tage bis zur Beerdigung habe ich gut funktioniert. Es gab vieles zu organisieren, und gemeinsam mit den Kindern habe ich alle notwendigen Wege erledigt.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Mir war klar, dass mein Leben weitergeht, obwohl ich zwischendurch große Zweifel hatte, wie ich das alles bewältigen sollte. Ich fühlte mich so alleingelassen.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Viele tolle Freunde, ein gutes soziales Umfeld, meine Kolleginnen und Kollegen und das Verständnis meines Arbeitgebers haben mir gezeigt, dass ich vielen Menschen wichtig bin. Ich habe gespürt, dass ich gut eingebettet bin in einen großen Kreis lieber Menschen und mit jeder Art von Unterstützung rechnen kann.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie hat dein Umfeld reagiert? Was hat dich gestützt – und was hast du eher als schwierig empfunden?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Die meisten Menschen waren sehr betroffen und haben ihre Hilfe angeboten. Meine Kinder sind eine Zeit lang bei mir geblieben und haben mich auch später täglich angerufen. Sie haben oft nachgefragt, wie es mir geht. Irgendwann habe ich dann von mir aus gesagt, dass ich das nicht mehr möchte.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Befremdlich war es teilweise in der Arbeit, weil Kolleginnen und Kollegen mir aus dem Weg gegangen sind und eine Begegnung mit mir vermieden haben. Aber nicht jeder ist gleich und nicht jeder kann mit Trauer umgehen. Ich wollte einfach ganz normal behandelt werden. Zum Glück hat sich das alles nach kurzer Zeit eingependelt.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn du heute jemandem begegnen würdest, der gerade einen geliebten Menschen verloren hat: Wie würdest du damit umgehen?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>I</em><em>ch würde immer zuerst fragen, ob der oder die Betroffene reden möchte. Ich würde offen und ohne Scheu auf jemanden zugehen und seine Reaktion abwarten.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Ich würde zuhören und versuchen, gut zuzureden. Aber das ist sehr individuell – je nachdem, wie gut man den Hinterbliebenen kennt und wie eng die Freundschaft ist. Ich würde meine Unterstützung anbieten und fragen, ob ich mich wieder melden darf, damit ich nicht als aufdringlich empfunden werde.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Hat der plötzliche Tod deine Sicht auf das Leben verändert? Handelst du heute anders als früher?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Bestimmt gehe ich mit dem Tod und dem Sterben anders um als früher. Es gehört zum Leben, und ich weiß heute, dass manche Menschen viel zu früh gehen müssen. Trotzdem muss man es annehmen, weil es nicht zu ändern ist.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Man empfindet es als ungerecht und kann es nicht begreifen. Aber das eigene Leben geht weiter, und ich versuche, das Beste daraus zu machen.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie behältst du Günter in deinem Leben? Welche Erinnerungen sind bis heute lebendig?</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Günter wird immer Teil meines Lebens bleiben. Viele schöne Erlebnisse, Urlaube, Fotos und auch tragische Ereignisse haben uns in unseren 14 gemeinsamen Jahren zusammengeschweißt.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wir haben uns gegenseitig unterstützt und waren immer füreinander da. Es gab gute und weniger gute Zeiten. Wir mussten uns zusammenraufen, haben aber immer daran gearbeitet, dass unsere Beziehung und unsere Liebe funktionieren.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Nach wie vor habe ich guten Kontakt zu Günters Kindern. Das ist mir sehr wichtig.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Danke, liebe Claudia, für deine Offenheit und dafür, dass du deine Geschichte mit uns teilst.</p>



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