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	<title>Orte und Wege &#8211; Kirschhäubchen</title>
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	<title>Orte und Wege &#8211; Kirschhäubchen</title>
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		<title>Allerheiligen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kirschhaeubchen]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Nov 2024 14:47:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Orte und Wege]]></category>
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					<description><![CDATA[Heute ist ein strahlend schöner Feiertag, es ist Allerheiligen. Es ist ein Festtag der katholischen Kirche zu Ehren aller Heiligen, der „verherrlichten Glieder der Kirche, die schon zur Vollendung gelangt sind“. Der morgige Tag Allerseelen ist dem Gedenken aller Verstorbenen gewidmet. Wir denken an die „armen Seelen“ im Fegefeuer, die noch nicht die Gemeinschaft mit [&#8230;]]]></description>
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<p>Heute ist ein strahlend schöner Feiertag, es ist Allerheiligen. Es ist ein Festtag der katholischen Kirche zu Ehren aller Heiligen, der „verherrlichten Glieder der Kirche, die schon zur Vollendung gelangt sind“. Der morgige Tag Allerseelen ist dem Gedenken aller Verstorbenen gewidmet. Wir denken an die „armen Seelen“ im Fegefeuer, die noch nicht die Gemeinschaft mit Gott erreicht haben. Aber selbst wenn man sich keiner Religion zugehörig fühlt und sich als nicht gläubig bezeichnet, werden dieser Tage viele Menschen den Weg auf den Friedhof finden, um das Grab eines verstorbenen Angehörigen zu besuchen. So sieht es in unseren Breiten die Tradition vor und die vielen parkenden Autos vor den Friedhöfen bestätigen das. Ich selbst vermeide es an diesem Tag hinzufahren, es ist mir einfach zu viel Rummel.</p>



<p>Braucht es überhaupt ein Grab, um an einen Verstorbenen zu denken? Ich habe ein wenig nachgeforscht und bin auf einen interessanten Artikel gestoßen: <em><a href="https://raum-fuer-trauer.de/presse/der-beste-ort-fu%CC%88r-die-trauer-ist-ein-grab-an-dem-sie-sichtbar-werden-darf/">„Der beste Ort für die Trauer ist ein Grab, an dem sie sichtbar werden darf.“</a></em> Demzufolge gibt es Studien, die besagen, dass es sogar ein menschliches Grundbedürfnis ist, eine Ruhestätte für seine Angehörigen zu haben und sie individuell zu gestalten. Nur so kann man erfolgreiche Trauerarbeit und Trauerbewältigung leisten. Anonyme Gräber wie Rasengräber, Baumbeisetzungen oder Seebestattungen würden vielen Trauernden nur bedingt dabei helfen.</p>



<p>Wie habe ich damals meine Entscheidungen getroffen? Kathi hat sich während ihrer Krankheit Gedanken darüber gemacht, wo sie begraben werden möchte. Das war zu einem Zeitpunkt, als wir noch fest an ihre Heilung geglaubt haben. Es ging eher darum, einen bestimmten Ort festzulegen. Wir sind oft umgezogen und ein traditionelles Familiengrab gab es noch nicht. Deshalb haben wir gemeinsam Überlegungen angestellt, uns im Internet Bilder von Friedhöfen angesehen, die infrage kommen könnten. Letztendlich war der Krebs schneller und es kam nie dazu, dass wir die passende Ruhestätte festgelegt hätten.</p>



<p>Nach ihrem Tod war ich erst einmal wie gelähmt, emotional restlos überfordert. Wie sollte ich es nur schaffen, das Richtige zu tun? Kathi hat bis auf den Wunsch nach einer Feuerbestattung keine konkreten Anweisungen für ihre Beerdigung hinterlassen. Was hätte sie sich vorgestellt? Jetzt, wo der Kampf ums Überleben beendet war und es für mich scheinbar nichts mehr zu tun gab, wollte ich auf jeden Fall eine Trauerfeier ganz in ihrem Sinne ausrichten. Ihre Familie, alle Freunde und Bekannte sollten die Gelegenheit haben, ihr in Würde „Lebewohl“ zu sagen und ihr die letzte Ehre zu erweisen. Ich habe mich dabei viel auf meine Intuition verlassen. Trotz der gewünschten Urnenbeisetzung sollte sie an einem „schönen Platz“ beerdigt werden. Eine Wandnische an der Friedhofsmauer kam für mich nicht in infrage. Kathi hatte sich ein schattiges Plätzchen gewünscht. Das wusste ich deshalb, weil wir im Juli 2014 meine Mutter zu Grabe getragen haben. Kathi war zu dieser Zeit durch die Chemotherapie extrem licht- und hitzeempfindlich. Sie trug einen breitkrempigen Sonnenhut und suchte Schutz unter einem der wenigen Bäume auf dem Friedhof. Ich setzte mich zu ihr und sie sagte: „Bitte Mama, nicht auf diesem Friedhof. Ich brauche Schatten, mir ist es hier zu heiß“. Ich weiß heute nicht mehr, was ich darauf geantwortet habe oder ob ich überhaupt etwas gesagt habe. Vergessen habe ich es nicht.</p>



<p>Durch die Empfehlung einer Freundin fiel die Wahl schließlich auf den Friedhof in Bad Vöslau. Kathi hatte dort vor Jahren ihre erste kleine Wohnung bezogen und es lag zudem in der Nähe meines Wohnortes. Auf dem Gemeindeamt von Bad Vöslau bekamen meine Tochter Julia und ich eine Liste mit freien Grabstätten ausgehändigt. Man durfte sich also selbst auf den Weg machen. Ich wunderte mich sehr über diese unpersönliche Vorgehensweise, ich hatte mir zumindest etwas Beratung, Betreuung oder Beistand bei dieser schwierigen Aufgabe erhofft. Wir hielten ein weißes, unliniertes DIN-A4-Blatt in der Hand, die Grabnummern waren mit Bleistift notiert. Noch zaghaft und unsicher schritten wir durch das Friedhofstor. Mein Blick fiel sofort auf die vielen hohen Bäume entlang der Wege. Plötzlich war ich ganz ruhig und zuversichtlich, ich war mir sicher, wir sind hier richtig. Ein wunderschöner Friedhof mit altem Baumbestand, so friedlich, beschaulich und stimmungsvoll. Wir gingen eine Reihe nach der anderen ab und folgten den Nummern auf unserer Liste. In der Zwischenzeit hatte es leicht zu regnen begonnen, aber wir hatten noch keine Auswahl getroffen. Der Regen wurde immer stärker und das Blatt in Julias Händen drohte sich aufzulösen. Und ja, ich sehe es als ein Zeichen von Kathi selbst, dass wir just in diesem Moment vor dem richtigen Grab mit der Nummer 1118 standen, als der Fetzen Papier vollends auseinanderfiel. Das hier war perfekt! Schattig und sonnig zugleich, inmitten einer Reihe von anderen gepflegten Grabstätten. So absurd es auch klingen mag, irgendwie schien es hier gemütlich zu sein.</p>



<p>Nach der Wahl der Grabstätte kümmerte ich mich um den Grabstein. Mir war klar, dass ich auf keinen Fall eine schwarze oder graue Grabplatte haben wollte, die das Grab hermetisch abschloss. Kathi würde keine Luft bekommen. Schon seltsam, welche Gedanken einem in so einer Extremsituation kommen. Trauer blockiert offensichtlich die Logik. Ich teilte meine Wünsche dem Steinmetz mit, den ich mir gesucht hatte. Er war sehr verständnisvoll und hatte genau das Richtige für mich. Vor Jahren hatte er auf dem Wiener Zentralfriedhof einen weißen Marmorgrabstein abgetragen. Der Stein, verziert mit Rosen und Tauben, stammte aus dem vorigen Jahrhundert, war in wundervoller Handarbeit aus einem Stück gehauen. Er hatte ihn mehrmals gründlich gereinigt und in liebevoller Detailarbeit restauriert. Nun stand er im Schauraum des Steinmetzes und wartete darauf, dass ich ihn entdeckte. Es war genau das, wonach ich gesucht hatte.</p>



<p>In den ersten zwei, drei Jahren nach Kathis Tod ging ich noch sehr oft auf den Friedhof. Es war mir immens wichtig, dass ihre Ruhestätte immer gepflegt aussah, frische Blumen und Kerzen da waren. Ich spürte sie zwar dort nicht intensiver als sonst wo, aber ich fand dort Ruhe und konnte mich bewusst mit meinen Gefühlen auseinandersetzen. Mit der Zeit wurden meine Besuche seltener. Ich tauschte die Drei-Tages-Kerzen gegen LED-Kerzen aus, wählte Pflanzen, die widerstandsfähig sind. Das ist für mich in Ordnung, ich habe deswegen kein schlechtes Gewissen. Ich spüre Kathis Energie überall, nicht nur an ihrem Grab.</p>



<p>Kurz nach den heftigen Regenfällen und Stürmen im September musste auf dem Bad Vöslauer Friedhof gut ein Drittel des Baumbestandes gefällt werden. Viele der meterhohen Bäume drohten umzustürzen. Es wird Jahre dauern, bis neue gepflanzt werden und wieder Schatten spenden können. Das hat mich trotz meines mittlerweile vernunftbetonten Zugangs verunsichert. </p>



<p>Vielleicht pflanze ich im Frühling doch noch einen Baum auf ihrem Grab, damit es für Kathi im Sommer nicht zu heiß wird.</p>
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		<title>Jakobsweg &#8211; Mein Weg am Caminho, Teil 2</title>
		<link>https://www.kirschhaeubchen.at/jakobswerg-mein-weg-am-caminho-teil-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kirschhaeubchen]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 May 2024 11:52:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Orte und Wege]]></category>
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					<description><![CDATA[Während ich in der ersten Woche alleine durch Portugal gewandert bin, bekomme ich in der zweiten Woche Gesellschaft. Meine langjährige Freundin Claudia schließt sich mir an, wir wollen gemeinsam das Ziel Santiago de Compostela erreichen. Claudia ist mit dem Flugzeug nach Porto gereist und dann mit dem Bus nach Valença an der portugiesisch-spanischen Grenze gefahren. [&#8230;]]]></description>
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<p>Während ich in der ersten Woche alleine durch Portugal gewandert bin, bekomme ich in der zweiten Woche Gesellschaft. Meine langjährige Freundin Claudia schließt sich mir an, wir wollen gemeinsam das Ziel Santiago de Compostela erreichen. Claudia ist mit dem Flugzeug nach Porto gereist und dann mit dem Bus nach Valença an der portugiesisch-spanischen Grenze gefahren. Ich hole sie vom Busbahnhof ab und wir umarmen uns freudig. Ich fühle mich unendlich erleichtert und ich überschlage mich mit Erzählungen von meiner Zeit hier in Portugal. Doch wir müssen los, bis zu unserer heutigen Unterkunft müssen wir noch viele Kilometer zurücklegen. Für Claudia, die müde von der Anreise ist, wird das hart.</p>



<p>Es ist nicht unsere erste gemeinsame Reise und wir finden sofort in unseren vertrauten Gleichklang. Schon vor Reiseantritt habe ich Claudia in mein Vorhaben eingeweiht. Sie hat die Geschichte mit dem Stein auf Anhieb verstanden und auch nicht weiter hinterfragt. Für unseren gemeinsamen Weg ist es daher völlig normal, dass ich immer wieder den Stein aus dem Rucksack nehme und meine Fotos mache. Es ist so heilsam und wohltuend, ohne große Worte seine Gefühle teilen zu können.</p>



<p>Wir erleben eine herrliche, abwechslungsreiche Woche voller kleiner Abenteuer. Nicht immer ist der Weg angenehm, nicht immer ist die Landschaft schön, nicht immer scheint die Sonne, nicht immer macht das Gehen Spaß. Aber gemeinsam können wir uns motivieren, trösten und uns gegenseitig aufrichten. Und wenn gar nichts mehr geht, dann hilft eine längere Pause im nächsten Lokal, ein Kaffee, eine geteilte Dose Bier und/oder eine Zigarette. „Ich glaube, wir rauchen erst mal eine“, ist das geflügelte Wort, das notwendige Krisensitzungen einleitet. Und das, obwohl ich Nichtraucherin bin.</p>



<p>Zu zweit verfliegt die Zeit, wir machen auch kaum mehr Bekanntschaften, weil wir uns selbst genug sind. Und dann ist es so weit – nach einer anstrengenden letzten Etappe sind wir an unserem Ziel, in Santiago de Compostela. Vor der imposanten Kathedrale umarmen wir uns überglücklich und lassen die Stimmung der angekommenen Pilger aus aller Welt auf uns wirken. Gezeichnet von den Strapazen, verschwitzt und staubig schnaufen wir erst einmal durch. „Ich glaube, wir rauchen erst mal eine“, unterbricht das Staunen und wir halten nach dem ersten Lokal Ausschau. Ein wunderbarer, eisgekühlter weißer Spritzer soll es sein! Und wir bekommen ihn, Kathis Stein liegt auf dem Tisch und wir sind in Hochstimmung. Mission fürs Erste erfüllt.</p>



<p>Und in dieser Hochstimmung, auf den Treppen, die Kathedrale vor mir, beschließe ich dann, ich werde den Stein nicht nach Muxia tragen. Ich werde ihn gar nirgends hinlegen und zurücklassen. Ich nehme ihn einfach wieder mit. Es bedarf keines theatralischen Schlusspunktes, weil es kein Ende gibt. Kathi ist immer bei mir, die Trauer um ihren Verlust ist immer da, da kann ich so weit laufen, wie meine Beine mich tragen.</p>



<p>Claudia nickt nur verständnisvoll. Wie so oft muss ich nichts erklären. „Auch gut“, meint sie und bestellt uns noch eine zweite Runde. Ich glaube, das hätte auch Kathi gefallen.</p>



<p>Am Abend besuchen wir die Kathedrale. Wir nehmen an der Pilgermesse teil und wissen nicht, ob auch heute der berühmte Botafumeiro, der wohl größte Weihrauchkessel der Welt, zum Einsatz kommen wird. Wir haben unendliches Glück! Als der Weihrauchkessel in die Seitenschiffe schwingt und seinen intensiven Duft verströmt, halte ich noch einmal inne. Ich spüre für einen kurzen Moment die spirituelle Reinigung und bin rundum zufrieden.</p>
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		<title>Jakobsweg &#8211; Mein Weg am Caminho, Teil 1</title>
		<link>https://www.kirschhaeubchen.at/jakobswerg-mein-weg-am-caminho-teil-1/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kirschhaeubchen]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 05 May 2024 11:51:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Orte und Wege]]></category>
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					<description><![CDATA[Lange schon habe ich den Gedanken mit mir herumgetragen, den Jakobsweg zu gehen. Wann immer ich einen Film darüber gesehen habe, ging es darin um Trauerbewältigung und die Aufarbeitung eines schweren Verlustes. Am meisten beeindruckt hat mich der Film „Dein Weg“. Martin Sheen spielt darin den Vater von Daniel, der bereits am ersten Tag am [&#8230;]]]></description>
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<p>Lange schon habe ich den Gedanken mit mir herumgetragen, den Jakobsweg zu gehen. Wann immer ich einen Film darüber gesehen habe, ging es darin um Trauerbewältigung und die Aufarbeitung eines schweren Verlustes. Am meisten beeindruckt hat mich der Film „Dein Weg“. Martin Sheen spielt darin den Vater von Daniel, der bereits am ersten Tag am Jakobsweg durch einen Unfall ums Leben kommt. Um seinen Sohn zu ehren, fliegt er nach Spanien, um für ihn den 800 Kilometer langen Pfad, den Camino Francés, bis nach Santiago de Compostela zu gehen.</p>



<p>Kathi war bei Gott keine Wanderin, sie war schon eher vom Typ Schaufensterbummlerin. Also ihre Wanderlust hat mich bestimmt nicht dazu animiert. Ich glaube, ich wollte für mich ein intensives Zeichen setzen, dass ich ein für alle Mal durch das Tief der Trauer durch war. Das hatte ich mir in allen Facetten ausgemalt und ausreichend geplant. Es gibt einen kleinen bunten Stein, den mir Julia, Kathis Schwester, bemalt hat. Er ist grau, flach und zeigt eine Kirsche, wiegt insgesamt exakt 122 Gramm. Diesen Stein wollte ich symbolisch an Kathis Stelle mitnehmen und in Muxia am westlichsten Zipfel des europäischen Kontinents, am Atlantik, im Sonnenuntergang, draußen am Leuchtturm zurücklassen. Am Ende der Welt, in friedvoller Umgebung, ein bisschen Unendlichkeit. Soweit das Bild in meinem Kopf, über viele Monate der Vorbereitung hindurch. Aus Zeitgründen hatte ich mich für den Caminho Portugues entschieden, der in zwei Wochen gut zu schaffen ist. Für den Camino Francés muss man schon einige Wochen mehr einplanen. Kurz und gut, mit dem Kirschenstein im Rucksack habe ich mich Ende Mai 2022 auf den Weg gemacht, 248 Kilometer von Porto Richtung Santiago de Compostela. Und somit fliege ich Ende Mai 2022, in Begleitung meiner Tochter Julia, nach Portugal.</p>



<p>Am Sonntagmorgen gehe ich ganz alleine los. Julia drückt mich noch einmal ganz fest zum Abschied und fährt Richtung Flughafen. Wir haben davor zwei wunderschöne Tage gemeinsam in Porto verbracht und für sie geht es jetzt wieder nach Hause. Für mich beginnt mein lang ersehntes Abenteuer. Beherzt wandere ich aus der Stadt Porto hinaus, entlang des Flusses Douro Richtung Atlantik. Je weiter ich die Stadt hinter mir lasse, desto öder wird der Weg. Ich laufe entlang der Straße auf Asphalt, keine Menschenseele ist zu sehen und bald bin ich längst nicht mehr so motiviert, wie ich es von mir erwartet habe. Ich verlaufe mich auch prompt, sehe die Schilder zu einer Autobahnauffahrt und finde mich inmitten von Containern in einem Industriegelände wieder. Hier bin ich definitiv am falschen Weg. Im nächsten Café mache ich eine Pause und versuche mich zu sammeln. So früh habe ich nicht mit der ersten Krise gerechnet. Als ich meinen Rucksack wieder aufnehme, ruft mir eine junge Mutter am Nebentisch „Bom Caminho“, was übersetzt „Guten Weg“ bedeutet, zu. Sie schenkt mir ein aufmunterndes Lächeln und da ist es endgültig vorbei mit meiner Beherrschung. Die Tränen laufen unaufhaltsam und ich fühle mich wie der verlorenste, einsamste Mensch auf der ganzen Welt.</p>



<p>Schritt für Schritt kämpfe ich mich auf den richtigen Weg zurück. Ich bin endlich am Atlantik, sehe den Wellen zu, kann Meeresluft atmen und meine mentale Kraft wiederfinden. Als vor mir eine kleine Kirche am Strand auftaucht, packe ich Kathis Stein aus dem Rucksack und lege ihn zum Fotografieren ans Kirchenfenster. Plötzlich werde ich ruhig und ich spüre, dass das, was ich hier tue, einfach richtig ist. Und dass es gut ist, Schwäche zuzulassen und sich seine Verletzlichkeit einzugestehen.</p>



<p>Ich erlebe noch einige tiefe Momente, in denen ich mich ernsthaft frage, ob es richtig war, mich auf diese Reise einzulassen. Doch ich habe mein Ritual gefunden. Geht es mir schlecht, packe ich den Stein aus. Er wiegt nur 122 Gramm und somit kann ich ihn auch streckenweise in der Hand halten. So laufe ich in Erinnerung an Kathi unaufhaltsam den Pfad weiter und lerne dabei viel über mich selbst. Ich treffe auf freundliche Menschen, die mich ein Stück meines Weges begleiten. Ich verabschiede mich wieder von ihnen, wenn ich das Gefühl habe, allein sein zu müssen. Ich finde eine Routine, die mir gefällt, und bin voller Zuversicht und manchmal fühle ich sogar Sekundenglück.</p>
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		<title>Weihnachtsbesuch am Friedhof</title>
		<link>https://www.kirschhaeubchen.at/weihnachtsbesuch-am-friedhof/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Kirschhaeubchen]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 24 Dec 2023 12:55:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Orte und Wege]]></category>
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					<description><![CDATA[Am Vormittag des 24. Dezembers packe ich meine beiden fünfjährigen Enkelinnen Mimi und Elisa ins Auto und fahre mit ihnen zum Friedhof. Sie haben Salzteigsterne und Weihnachtsbäumchen gebastelt, diese mit Farbe bemalt und mit reichlich Glitzer verziert. Damit wollen wir, zusammen mit den mitgebrachten Lichterketten, Kathis Grab für den Heiligen Abend schmücken. Die Mädchen sind [&#8230;]]]></description>
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<p>Am Vormittag des 24. Dezembers packe ich meine beiden fünfjährigen Enkelinnen Mimi und Elisa ins Auto und fahre mit ihnen zum Friedhof. Sie haben Salzteigsterne und Weihnachtsbäumchen gebastelt, diese mit Farbe bemalt und mit reichlich Glitzer verziert. Damit wollen wir, zusammen mit den mitgebrachten Lichterketten, Kathis Grab für den Heiligen Abend schmücken.</p>



<p>Die Mädchen sind aufgeregt, haben keine Scheu vor den Gräbern und freuen sich einfach, dass wir Tante Kathi eine Freude bereiten können. Ich steige auf Kathis Grab, um die Lichterkette anzubringen. Elisa ist skeptisch und meint: „Darf man überhaupt auf ein Grab steigen?“ Offensichtlich hat ihr ein Erwachsener einmal erklärt, wie man sich auf Friedhöfen verhalten sollte. Ich beschwichtige sie kurz, dass ich ohnehin bald fertig bin, und stehe schon wieder auf dem Gehweg. „Du steigst nämlich auf ihren Körper“, erklärt sie mir. Die Sache mit der Einäscherung und der Urnenbeisetzung haben wir den beiden nie zugemutet, obwohl wir sonst offen mit Kathis Tod umgehen.</p>



<p>Emilia drängt dazu, die Kindergräber zu schmücken. Ich habe ihnen vor einiger Zeit die kleinen Gräber am Friedhof gezeigt und das hat eine große Faszination bei den beiden ausgelöst.</p>



<p>Geschäftig steigen sie zwischen den kleinen, teilweise alten Gräbern herum und verteilen ihre Salzteigsterne. Bald ist das Sackerl leer und wir machen uns auf den Weg zurück zum Auto.</p>



<p>Es ist still im Auto, ich bin in Gedanken versunken, wir schweigen. Nach einiger Zeit sagt Mimi unvermittelt: „Es ist schon traurig, wenn ein Kind stirbt.“ Ich bin immer wieder erstaunt über ihre Fähigkeit, Stimmungen zu spüren, und pflichte ihr bei. Wir sprechen über Verlust und Unwiederbringlichkeit und zumindest wir zwei sind uns einig. Elisa sieht die Sache pragmatischer und meint, die Verluste kann man wettmachen. „Dann musst du halt neue Freunde finden“, ist ihr Ansatz.</p>



<p>Ich fühle mich bemüßigt, ihnen zu erklären, dass Kathi sich über unsere Geste freut. Sie hat uns bestimmt beim Schmücken beobachtet und ist glücklich, dass wir sie auch an Weihnachten nicht vergessen haben.</p>



<p>Elisa meint, Kathi sitzt auf einer Wolke, während sie uns zusieht. Ich bin ein wenig ratlos, was ich dazu sagen soll, und während ich noch an einer vernünftigen, kindergerechten Antwort feile, kommt schon die nächste Frage: „Wo geht die Kathi hin, wenn es auf der Wolke regnet?“ Erzieherisch wertvoll versichere ich ihr, dass es ja nicht auf der Wolke regnet, sondern der Regen aus der Wolke nach unten fällt. Unsere liebe Kathi bleibt also trocken, Elisas Sorge ist somit unbegründet.</p>



<p>Nach gefühlten fünf Sekunden Stille meldet sich nun Mimi: „Das ist aber ein Blödsinn!“ Danke Kathi, dass du uns immer wieder ein kleines Zeichen gibst, dass du da bist. Und manches Mal sprichst du einfach aus deiner Nichte zu uns.</p>



<p></p>
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