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So ist Kathi

IIhr Name ist Kathrin. Für fast alle aber ist sie einfach Kathi. Und wenn ich an sie denke, ist sie es bis heute.

Wenn Kathi einen Raum betritt, wird es heller. Sie hat diese besondere Präsenz, die man nicht erklären kann. Wenn sie lacht, lachen alle mit. Sie spricht mit dem ganzen Körper, gestikuliert, erzählt, singt, tanzt. Sie ist voller Lebenslust. Einer dieser Menschen, die nicht einfach irgendwo dabei sind, sondern einen Raum mit ihrer Energie füllen.

Kathi liebt das Leben. Gutes Essen, Reisen, Musik, schöne Dinge. Sie kann sich über einen Teller Pasta freuen, über eine Wohnung, in der alles stimmt, eine wertvolle Uhr, auf die sie lange gespart hat, oder ein Hotel, das genau ihren Vorstellungen entspricht. Sie mag es, wenn Dinge stimmig sind und ihren eigenen Stil haben.

Und sie kann sich genauso hemmungslos über Helene Fischer freuen wie über Bon Jovi. Bei Helene Fischer kennt sie jede Textzeile und singt und tanzt durch die Wohnung. Bei Bon Jovi steht sie mit ihrer Freundin Mietzi als treuer Fan ganz vorne am Bühnenrand.

Kathi will etwas erleben. Und sie will Erinnerungen daraus machen.

Von ihren Reisen bringt sie deshalb nicht nur Erinnerungen mit. Sie sammelt Eintrittskarten, Stadtpläne, Visitenkarten und Postkarten und klebt alles säuberlich in ihr Reisetagebuch. Von jeder Reise schreibt sie Postkarten – und erwartet selbstverständlich auch eine von ihren Freundinnen.

Vielleicht passt deshalb auch Belgrad so gut zu ihr.

Sie geht für vier Jahre dorthin, weil sie Auslandserfahrung sammeln will, und lebt dort wahnsinnig gerne. Es ist ihr Land, es ist ihr Leben. Die Brücke über die Save wird ihre Brücke.

Als das Bauprojekt zu Ende ist, fährt sie mit ihrer Großmutter noch einmal auf die Brücke. Sie nimmt ihr Handy und schleudert es in den Fluss.

„Das brauche ich jetzt nicht mehr.“

Mehr Kathi geht eigentlich nicht.

Sie weiß, was sie will. Sie kann sehr klar sein, manchmal auch ziemlich bestimmend. Wenn etwas nicht nach ihren Vorstellungen läuft, kann sie richtig wütend werden. Dann muss sie erst einmal Dampf ablassen. Stur kann sie sein, uneinsichtig und nicht besonders gut, wenn es um Entschuldigungen geht.

Aber Kathi ist kein Mensch für halbe Sachen.

Wenn sie jemanden liebt, ist sie da. Ohne lange zu überlegen. Sie hilft, hört zu, macht sich Gedanken und findet meistens irgendeine Lösung.

Für ihre serbische Großmutter ist sie nicht nur die erstgeborene Enkelin, der sie jeden Wunsch erfüllt. Kathi ist ihr eine große Stütze. Sie übernimmt Behördenwege, organisiert Arzttermine und hilft bei sprachlichen Schwierigkeiten.

Während ihrer Zeit in Belgrad wird Omas Haus in Serbien zum Wochenenddomizil. Freunde kommen und gehen. Und auch die Tiere, die Kathi auf der Baustelle gerettet hat, finden dort einen Platz.

Ihre Freundinnen sind ihr unendlich wichtig. Kathi ist oft diejenige mit den Ideen, die etwas organisiert und alle mitnimmt. Sie liebt es, gemeinsam etwas zu erleben.

Als zwei ihrer engsten Freundinnen Kinder bekommen, wird sie Teil ihrer Familien. Die Tante, die verwöhnt. Die Geschenke mitbringt. Die da ist.

Und dann ist da ihre Schwester Julia.

Die beiden können sich wunderbar verstehen und wunderbar streiten. Sie konkurrieren, sie sind trotzig, sie können sich sogar ein Jahr lang aus dem Weg gehen. Und dann ist es plötzlich wieder gut. Ohne große Aussprache.

Am liebsten lachen sie über mich. Und wenn es gerade passt, verbünden sie sich gegen mich.

Für Julia ist Kathi das makellose weiße Schaf. Julia selbst ist das graue – ausdrücklich nicht das schwarze.

Während Kathis Krankheit kommen die beiden sich noch einmal ganz nahe. Was zwischen ihnen steht, verliert seine Bedeutung.

Heute würde Julia Kathi noch immer gerne um Rat fragen. Weil sie das nicht mehr kann, fragt sie mich.

Kathi fehlt ihr dort, wo man einen Rat nicht ersetzen kann.

Und dann gibt es noch die Kathi, die nur ich kenne.

Zu mir sagt sie nicht Mama. Sie nennt mich Mamschi.

Sie kann ihren Kopf in meine Halsbeuge legen und sich an mich schmiegen. Sie lässt sich umarmen, umsorgen, bekochen und zudecken.

Bei mir darf sie klein sein.

Sie muss nichts können. Nichts entscheiden. Sie darf einfach mein Kind sein.

Wenn ich daran denke, kann ich ihre Nähe noch heute spüren.

Kathi liebt es auch, etwas Besonderes zu schenken.

Einmal, als ich in Toronto lebe, schenkt sie mir eine Karte für ein Helene-Fischer-Konzert. Aber natürlich gibt sie mir die Karte nicht einfach.

Gemeinsam mit ihrer Schwester erfindet sie über Skype ein Musikrätsel. Sie dichtet einen eigenen Text und verpackt ihn in die Melodien verschiedener Helene-Fischer-Lieder. Ich muss erraten, welches Originallied dahintersteckt.

Wir drei lachen so viel. Daraus entsteht ein Video.

Das Konzert findet erst statt, als Kathi schon gestorben ist.

Das Video ist geblieben.

Und manchmal sind es genau diese kleinen Dinge, in denen ein Mensch weiterlebt: ein Lachen, eine Stimme, ein Satz, eine Geste. Eine Erinnerung, die plötzlich wieder ganz nah ist.

Und dann gibt es noch das schwarze Pferd.

Schon als Kind ist das ihre Antwort auf die Frage, was sie sich wünscht.

Immer wieder: ein schwarzes Pferd.

Sie bringt uns damit fast zur Verzweiflung. Und auch als erwachsene Frau ist der Wunsch nicht verschwunden.

Vielleicht braucht es dafür gar keine Erklärung.

Das schwarze Pferd gehört einfach zu Kathi.

So wie ihr Lachen. Ihre Großzügigkeit. Ihre Sturheit. Ihr Trotz. Ihre bedingungslose Liebe. Ihre Freude an schönen Dingen. Ihre Fähigkeit, aus einem Geburtstag ein Erlebnis zu machen. Ihre Art, einen Raum heller zu machen, sobald sie da ist.

Über ihre Krankheit und die letzten 16 Monate ihres Lebens habe ich an anderer Stelle ausführlich geschrieben. Deshalb soll es hier nicht noch einmal um ihren Tod gehen.

Hier geht es um Kathi.

Um das Mädchen, das ein schwarzes Pferd wollte.

Um die Frau, die ihr Handy von einer Brücke in die Save warf.

Um die Freundin, die organisierte, plante und alle mitnahm.

Um die Schwester, die sich stritt und wieder versöhnte.

Um meine Tochter, für die ich Mamschi sein durfte.

Und um all das, was von ihr bleibt.

In ihren Geschichten. In ihren Postkarten. In dem Video. In der Brücke über die Save. In dem Wort „Mamschi“. Und in all den Menschen, die noch wissen, wie Kathi gelacht hat.

Und wenn ich an sie denke, ist sie nicht Kathrin.

Sie ist Kathi.

Bis heute.

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Autor

kirsch@klausprokop.eu